God’s Own Country – Interview mit Francis Lee

queerfilmnacht / Kino

Morgen startet „God’s Own Country“, das vielgelobte und -prämierte schwule Liebesdrama des Engländers Francis Lee, in den deutschen Kinos. Patrick Heidmann hat sich für sissy vorab mit Lee über dessen eigene Jugend in den rauen Berglandschaften von Yorkshire unterhalten, über die Arbeit mit seinen ungemein wandlungsfähigen Hauptdarstellern und warum der oft bemühte Vergleich mit „Brokeback Mountain“ auf seinen Film nur bedingt zutrifft.

Francis Lee (rechts) mit Kameramann Joshua James Richards und Darsteller Josh O’Connor – Foto: Edition Salzgeber

„Ich wollte von zwei Männern erzählen, die andere Sorgen haben als ein Coming-out“

Interview: Patrick Heidmann

 

Mr. Lee, vermutlich siedelt man keinen Film auf einer Schafsfarm im Yorkshire an, wenn man dazu keinen persönlichen Bezug hat, oder?

Da dürften Sie Recht haben. Ich bin auf dem Hügel aufgewachsen, auf dem der Film spielt. Mein Vater hat dort eine Farm, mit Schafen, die betreibt er auch heute noch, mit 75 Jahren. Seit meiner Jugend bin ich besessen von dieser Landschaft und den Leuten, und beides habe ich noch nie wirklich auf der Leinwand dargestellt gesehen. Deswegen war es mir so wichtig, eine Geschichte aus dieser Gegend zu erzählen.

Waren Sie in Ihrer Jugend dort glücklich? Oder ging es Ihnen ähnlich wie Ihrem Protagonisten?

Bevor hier ein Missverständnis aufkommt: „God’s Own Country“ ist autobiografisch, was den Bauernhof angeht, die Tiere, die Landschaft und das Wetter. Aber nicht auf der Ebene der Figuren. Das ist nicht meine Familiengeschichte und ich bin ganz sicherlich nicht Johnny. Es gab auch keinen Gheorghe in meinem Leben in Yorkshire. Ich hatte vielmehr eine ziemlich glückliche Kindheit und Jugend dort. Ich mochte die Tiere und war vor allem unglaublich gerne draußen in der Natur.

Dann ist es Ihnen also auch nicht schwergefallen, für Ihren Film dorthin zurückzukehren?

Oh nein, das fühlte sich sehr selbstverständlich an. So vertraut. Ich kenne diese Welt und diese Menschen dort einfach sehr, sehr gut.

Wie haben Sie die Landschaft und die Natur dort erlebt – und wie auf die Leinwand übertragen?

Wenn ich an früher zurückdenke, dann fällt mir als erstes ein, wie kalt und windig es überall war. Und nass und matschig. Diese Gegend von Yorkshire ist keine, in der man idyllische Spaziergänge macht oder den Ausblick und das Landleben genießt. Alle sind vielmehr immer mit gesenktem Blick unterwegs und wollen so schnell wie möglich dem Wetter entkommen. Diese Wirkung, die die Natur auf die Menschen dort hat, wollte ich im Film greifbar machen. Deswegen gibt es eigentlich nur eine einzige Landschaftsaufnahme. Nämlich in dem Moment, in dem Johnny die Landschaft dank Gheorge aus einer neuen Perspektive wahrnimmt.

Foto: Edition Salzgeber

Beide Schauspieler sind fantastisch. Wie schwierig war es, die richtige Besetzung für „God’s Own Country“ zu finden?

Nicht schwieriger als üblich, würde ich sagen. Ich kannte weder Josh noch Alec vorher, sondern arbeitete ganz gewöhnlich mit einem Casting Director in London zusammen. Von Josh sah ich zunächst nur ein Video und war dann vollkommen verblüfft, als ich ihn persönlich traf. Denn in Wirklichkeit ist er ein ganz lieber, netter und höflicher Kerl, aus einer typischen Mittelklasse-Familie in Südengland. Zunächst verunsicherte mich das, aber dann realisierte ich schnell, wie enorm wandlungsfähig er ist.

Und Alec?

Den fand ich mit Hilfe eines tollen Casters in Bukarest, weil ich gezielt nach einem Rumänen suchte.

Warum das?

Als ich meine Schauspielkarriere aufgegeben hatte, arbeitete ich eine Weile auf einem Schrottplatz – und dort hatte ich einen rumänischen Kollegen. Damals war Rumänien noch nicht allzu lange in der EU und in Großbritannien war viel die Rede davon, dass so viele Rumänen kämen und unser System ausnutzen würden. Als ich dann bei der Arbeit Tavi kennen lernte, hörte ich seine sehr persönliche, emotionale Seite dieser Thematik. Es beschämte mich zutiefst, wie wir in unserem Land über ihn und seine Landsleute sprachen. So wurde er in gewisser Weise zur Inspiration dieser Figur.

Die schwule Liebesbeziehung, die Ihre Figuren erleben, ist im provinziellen Setting Ihres Films sicherlich ein größeres Thema als es in der Großstadt wäre, oder?

Hm… Darum ging es mir eigentlich bei „God’s Own Country“ gar nicht. Sexualität oder sexuelle Orientierung waren nicht die Themen, die mich interessierten. In erster Linie wollte ich davon erzählen, wie schwierig es ist, sich zu verlieben, sich zu öffnen für die Liebe und damit verletzlich zu werden. Das ist es, was ich im Leben immer als die große Herausforderung empfunden habe. Dass meine Sexualität in meiner Familie oder der örtlichen Gemeinde ein großes Problem gewesen wäre, habe ich selbst nie so erlebt, deswegen war es mir auch kein Anliegen, einen Film darüber zu drehen.

Dann gefällt es Ihnen vermutlich nicht, dass Ihr Film immer wieder mit „Brokeback Mountain“ verglichen wird.

Darüber will ich mich nicht beschweren, denn ich bin ein großer Fan des Films. Wunderbar gespielt und inszeniert. Aber in der Tat gibt es große Unterschiede zu „God’s Own Country“. Eben weil ich dezidiert nicht von zwei Männern erzählen wollte, die mit ihrem Schwulsein ringen, sondern von zweien, die andere Sorgen haben als ein Coming-out.

Foto: Edition Salzgeber

Weil Sie sich bewusst abheben wollten von Genre-Stereotypen des Queer Cinema?

Ach wissen Sie, ich habe mir nicht wirklich Gedanken gemacht über das Queer Cinema im Allgemeinen. Zumal es ohnehin die Frage ist, ob man es sich nicht zu leicht macht, alle LGBTQ-Geschichten unter diesem Begriff zusammenzufassen. Aber auf jeden Fall finde ich es auffallend, dass Filme wie „Moonlight“, „Call Me By Your Name“ oder „Eine fantastische Frau“ alle eines gemeinsam haben: Sie erzählen Geschichten und von Figuren, die wir so bisher nicht unbedingt auf der Leinwand zu sehen bekommen haben. Das war auch mein Ziel.

Fast könnte man den Eindruck bekommen, wir würden uns in einem neuen goldenen Zeitalter des Queer Cinemas befinden, um den Ausdruck jetzt doch noch einmal zu verwenden…

Puh… Keine Ahnung. Aber als Filmfan und Zuschauer bin ich auf jeden Fall begeistert, dass gerade so viele spannende Geschichten erzählt werden. Bislang gab es ja meistens, wenn überhaupt, einen Film pro Jahr, der aus LGBTQ-Sicht etwas Neues machte und den man einfach sehen musste. So wie zum Beispiel „Weekend“. Jetzt haben wir sogar die Wahl zwischen mehreren! Hoffen wir, dass es so auch weitergeht.

Ist „Weekend“ ein Film, der Sie als Regisseur beeinflusst hat?

Beeinflusst in meiner Arbeit haben mich sicherlich eher die Dardenne-Brüder. Oder Jacques Audiard. Aber das Schöne, wenn man bei seinem Regiedebüt nicht mehr superjung ist, ist ja, dass man die Welt schon auf sehr viele verschiedene Weisen erlebt und gesehen hat. Ich habe schon ein paar Runden um den Block gedreht, daher war ich mir ziemlich sicher darin, wie ich meine Geschichte erzählen wollte und musste mich nicht auf irgendwelche anderen Filmemacher beziehen.

Als Schauspieler standen Sie auch für Mike Leigh vor der Kamera. Haben Sie sich bei dem etwas abgeguckt?

Was ich an der Arbeit mit Mike geliebt habe, war seine Art und Weise, wie er mit den Schauspielern die Figuren entwickelte. Was mir dagegen nie lag und was ich auch als Regisseur nicht gemacht habe, ist die Arbeit ohne Drehbuch, das Improvisieren. Ich hatte für „God’s Own Country“ im Gegenteil ein sehr detailliertes Skript. Aber tatsächlich habe ich, ähnlich wie Mike Leigh, mit den beiden Schauspielern drei Monate lang ganz intensiv an der Entwicklung ihrer Figuren gearbeitet. Komplette Biografien vom Tag ihrer Geburt an bis hin zur Frage, wo in seinem Zimmer Johnny sein Bett stehen hat, weil es dort am wärmsten ist. Josh und Alec sollten diese Männer in- und auswendig kennen.

Wie kommt es eigentlich, dass Sie nicht schon viel früher Ihren ersten Film inszeniert haben?

Ich bin damals aus Yorkshire weg, weil ich Schauspieler werden wollte. Also habe ich Schauspielerei studiert und 20 Jahre in dem Beruf gearbeitet. Ich wusste dabei immer, dass ich Geschichten schreiben und erzählen wollte. Doch mir fehlte lange das Selbstvertrauen dazu, das auch in die Tat umzusetzen. Ich musste erst 40 werden, bevor ich meinen ersten Kurzfilm schrieb. Aber dann gab es kein Zurück mehr – und ich hängte die Schauspielerei an den Nagel.

Für immer?

Ja, mit dem ersten Kurzfilm war Schluss mit der Schauspielerei. Ich habe drei Jahre lang jedes Jahr einen Kurzfilm gedreht und nebenbei, wie erwähnt, Geld auf dem Schrottplatz verdient. Dann kam „God’s Own Country“.




God’s Own Country
von Francis Lee
UK 2017, 104 Minuten, FSK 12,
deutsche Synchronfassung &

englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Edition Salzgeber

Im Oktober in der queerfilmnacht.

Ab 26. Oktober hier (SF),  hier (OmU) und hier (OF) im Kino.

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