Dyke Hard

TrailerDVD / VoD

Bitte Andersson, Comicautorin und Mitbegründerin eines queerfeministischen Buchladenkollektivs in Stockholm, zelebriert in ihrem mega-campen Uni-Abschlussfilm „Dyke Hard“ genussvoll die bunte MTV-Ästhetik und Mode der 80er Jahre. Ihr wilder Genremix wirft mit schrillen Filmzitaten nur so um sich, demonstriert einen ausgeprägten Sinn für inklusive und queere Repräsentation und beweist in bester B-Movie- und DIY-Tradition, dass es in einem Kollektiv auch ohne Geld möglich ist, einen unterhaltsamen Film zu drehen. Let’s glam rock ’n‘ dildo!

Foto: Edition Salzgeber

Dildosex auf der Hollywoodschaukel

von Aileen Pinkert

Gibt es einen Film, der alles vereint, was queer ist? Die Regisseurin Bitte Andersson hat genau das mit ihrem durch Kickstarter geförderten Regiedebüt „Dyke Hard“ versucht. Queere Filme seien oft viel zu tragisch, befand die Schwedin. Gemeinsam mit ihrem Kameramann Alexi Carpentieri hat sie persiflierende Trailer zu nichtexistenten B-Movie-Filmen unterschiedlichster Genres produziert. Damit wollten sie ursprünglich eine Wunschliste an die Filmindustrie formulieren: Macht mal was anderes als nur ‚Gay Drama‘! Die begeisterte Resonanz über die liebevollen Zwei- bis Vierminüter ermunterte sie dazu, die Ideen aller Trailer in einem eigenen Spielfilm zu kombinieren. Das Ergebnis nach vier Jahren queerer Community-Arbeit ist ein trashiges Horror-Splatter-SciFi-Roadtrip-Musical in komödiantischer Trash-Tradition, das viel Spaß machen kann, wenn man sich darauf einlässt.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Dyke Hard, eine lesbische Glam-Rock-Band. So überraschend sie mit ihrer ersten Single „Payback“ durchstarten, so plötzlich droht ihnen der Status eines One-Hit-Wonders: Pleite und ohne zündende Ideen für neue Songs währt der Erfolg nicht lange. Die Managerin arbeitet lieber mit Reality-TV-Celebrities – „echten Talenten“, wie sie findet. Und auch die herrische Leadsängerin Riff verlässt die Band, weil sie glaubt, deren Zenit sei längst überschritten. Zurück bleiben die gern lamentierende Peggy, die kindlich-euphorische Bandito und die nerdige Scotty. Die letzte Rettung ihres Ruhms scheint ein Band-Wettbewerb zu sein, den sie natürlich unbedingt gewinnen müssen. Auf dem Weg dorthin gabeln die drei eine neue Sängerin auf. Dawn, eine Thaiboxerin, landet  auf der Windschutzscheibe des Band-Volvos und löst sofort Peggys Gefallen aus. Zu viert erleben Dyke Hard einen wilden Abenteuertrip voller boshafter Intrigen, entblößter Genitalien, Roller-Derby-Girls und Dykes-on-Bikes.

Dem Film gelingt es dabei, sich jeder Form von Heteronormativismus konsequent zu entziehen. Hier scheinen sogar alle StatistInnen queer zu sein! Erfreulich ist auch das starke nicht-heterosexuelle Sexaufkommen, für das vor allem die umtriebige Scotty verantwortlich ist: Zungenspiele durch das Glory Hole einer Tankstellentoilette, eine wilde Knast-Orgie und intime Zärtlichkeiten mit einem Spukgeist bedienen sowohl LGBT-Klischees als auch ausgefallenere Sehnsüchte. Der wirre Mix, der sich natürlich selbst nicht ernst nimmt, steuert zielsicher auf einen verrückten Finalkampf zwischen Musikinnen, Ninjas, einem Cyborg und einem längst verdrängten Dyke-Hard-Mitglied zu.

„Dyke Hard“ lief erfolgreich auf zahlreichen internationalen Queer-Festivals, wobei schon vorab sein zukünftiger Kultstatus postuliert wurde. Vergleiche mit John Waters, Austin Powers und Ed Wood liegen nahe. In seinem Maß an glamouröser Geschmacklosigkeit ist „Dyke Hard“ aber tatsächlich einzigartig.

Der Ideenreichtum des Films ist schier grenzenlos und reicht von schambefreitem Sampling populärer Hollywoodfilme (etwa von „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Terminator“) bis zum kreativen Umkodieren bekannter Genrekonventionen. Sein minimales Budget stellt „Dyke Hard“ dabei stolz aus. So passen etwa die teils überzogenen Lippenbewegungen nicht immer zur Nachsynchronisation; die Handkamera-Bilder erscheinen mal schief, mal unscharf, dann wieder zu nah, mutmaßlich wenn das Drehmotiv nicht ausreichend Platz für eine totale Einstellung bot; die eigentlich gleichen Innenräume erscheinen mehrfach etwas anders eingerichtet. Andersson erhebt die DIY-Ästhetik zum Protest gegen eine humorlose Filmindustrie. Gegenüber dem strikten Denken in Kategorien propagiert „Dyke Hard“ die immense Kraft von freundschaftlicher Gemeinschaft – im Film selbst, aber auch im Prozess seiner Herstellung. Ein schönes Beispiel dafür: Die waghalsigen Stunts und Helikopterszenen hat sich das Filmteam kurzerhand mit selbstgebackenen Kuchen ‚erkauft‘.




Dyke Hard
von Bitte Andersson
SE 2014, 94 Minuten, FSK 16,
englische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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