Die Unsichtbaren / Bambi

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Mit einem Brief bedankt sich der SISSY-Autor bei Sébastien Lifshitz für dessen Dokumentarfilme „Die Unsichtbaren“ und „Bambi“. Beide entstanden in einer Recherche über nicht-heterosexuelle Biografien in Frankreich. Lifshitz ist mit diesen Filmen etwas Besonderes gelungen: Er erzählt die französische Nachkriegsgeschichte aus peripherer, aber gleichwohl vielfältig schillernder Perspektive und führt mit viel Liebe und Neugier seine Heldinnen und Helden des Alltags zu zutiefst persönlichen Aussagen. Neben überragenden Kritiken erhielt „Die Unsichtbaren“ u.a. den nationalen Filmpreis César und den Goldenen Stern des französischen Journalistenverbandes, außerdem den Gierson Award des Britischen Filminstituts; „Bambi“ erhielt den Teddy für den besten Dokumentarfilm.

„Die Unsichtbaren“ – Foto: Edition Salzgeber

Fliegen lernen

von Biru David Binder

Monsieur Lifshitz,

Vogelschreie. Die Nahaufnahme einer linken Männerhand, faltig, von rechts oben kaltes Licht, einer der Fingerknöchel wie arthritisch verformt, eine dünne Spritze im Hintergrund. Die rechte, eine Pinzette haltend, mit der sie ein winziges, augenloses und nacktes Bündelchen Vogel, das mit einem seiner Beinchen in die Luft tritt, in kleinen Stückchen aus seiner Schale befreit. „Vorsichtig“, sagt eine Stimme aus dem Hintergrund leise, und wir sehen die Profile zweier alter Männer, konzentriert auf diese Geburt blickend. „Es muss anders liegen…“, der eine, ohne seinen Blick abzuwenden, „Vorsicht“, der andere wieder, dann das ruhige „So ist es besser“, und die Nahaufnahme des winzigen Dings aus Schleim und Blut und nur noch wenig Eierschale zupfender Pinzette, schmerzhaft anzuschauen, bis den ungelenken Bewegungen des Vögelchens eine Pipette Feuchtigkeit spendet. Ganz aus seinen scharfkantigen Schalenresten befreit liegt es in einem weißen Bettchen, atmend, betupft, dunkles noch-nicht-Auge, lebendig. Zwei Totalen, eine Schnur dunkles, grünes Gebirgsmassiv mit Gewitterhimmel, von einem Vogel gekreuzt, eine graue, schwere Wolkendecke im Donnergrollen. Noch nicht einmal zwei Minuten dauert diese Sequenz, die einem den Atem stocken lässt, bevor Ihre elf Unsichtbaren noch zu erzählen beginnen. Sich dafür zu entscheiden, alle in diesem Dokumentarfilm Porträtierten – zwischen den beiden Weltkriegen geboren und heute in Frankreich lebend – durch ihre Nicht-Heterosexualität zu verbinden, wäre ein Leichtes. Nur gerecht, pardon, das wäre es nicht, Monsieur.

Denn, vielleicht aus Neugierde auf Enttäuschung, einmal auf Deutsch „altern“ und „Homosexualität“ in die Suchmaschine eingetippt, können einem hier in diesen Tagen solch aufmunternde Ergebnisse anspringen wie „Warum ein Coming-Out mit 60 einsam machen kann“, (also bloß aufpassen und im Schrank vor sich hinmodern?), eine Broschüre zum Thema mit Informationen für Altenpfleger (sinnvoll, aber die wenigsten scheinen diesen Beruf noch ergreifen zu wollen), oder der Bericht über ein städtisches Seniorenzentrum, das mit einer lesbisch-schwulen Beratungsstelle zusammenarbeitet. Voilà. Auf Englisch im Netz gesucht, gibt’s wissenschaftliche Artikel, die feststellen, dass homo- und heterosexuelles Altern größere Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweise, sich die als positiv oder negativ bewerteten Aspekte jedoch signifikant unterschieden. Wir fielen im Alter grundsätzlich auf ein dichteres soziales Netz zurück, da wir uns eben nicht scheuklappig auf eine genormte Blutskleinfamilie verließen, Diskriminierungen hätten aber keine Ehrfurcht vor dem Altern, und wir empfänden sie nicht eben fluffiger in Zeiten von Pflegebedürftigkeit.

Und dann kommen Sie, Monsieur Lifshitz, geboren 1968, Lyriker der filmischen Dokumentation, Ihre Tarnung im Abspann mit „Regisseur“ nicht vollkommen geglückt, und drehen uns allen (selbsternannte Heteros inklusive) „Die Unsichtbaren“, als antworteten Sie damit ganz verdutzt auf François de La Rochefoucaulds „Wenige verstehen es, alt zu sein“ („Peu de gens savent être vieux“) mit einem „Aber wieso? Hier sind doch elf und ich hatte noch sechs Stunden Film…“, in knapp 120 Minuten.

„Die Unsichtbaren“ – Foto: Edition Salzgeber

„Jetzt ist auch Frankreich betroffen!“

Wie sagt uns doch die drohende Stimme in einem Juwel von Lehrfilmausschnitt (wo haben Sie den nur ausgegraben?) zu Bildern eines très gefährlichen, offenbar nicht sonderlich hetenbevölkerten Tanzschuppens: „Jetzt ist auch Frankreich betroffen…!“ Mon dieu, Frankreich war derart betroffen, dass es Ihnen dann 2013 für die „Unsichtbaren“ den César verlieh, ein betroffenes Land, in dem nicht lange zuvor die „Heirat für Alle“ („Le Marriage pour tous“) proklamiert und mit Aufmärschen von Frankreichs Rechter in Paris und Lyon („Le manif pour tous“) begleitet wurde, Aufmärschen, die einem schweißkalte Schauder vor so viel aufgelaufener saturierter Dummheit beibrachten. Wenn’s einen, von diesem Land aus schreibend betrachtet, nicht so um den Schlaf gebracht hätt’, man wär’ an missverstandenen Dadaismus oder an die Absurdität vermeintlich Gebildeter erinnert, die sich gegen die Existenz der Sonne per se auf den Straßen zusammenrotteten.

Und dabei lehrte Literatur in eben dem Land die längste Dauer ihres Lebens eine Marie-Pierre Ysser, seit ihrer Zeit am Travestietheater Le Carousel in Paris auch als Bambi bekannt, die Sie in einem den „Unsichtbaren“ an nichts nachstehenden 60-minütigen lyrischen Porträt aus Licht und Schatten zeichnen. Bambi, am elften November 1935 in Algerien als Jean-Pierre Pruvot geboren, trägt den Ordre des Palmes Académiques, kurz Palmes Académiques, wie sie uns beiläufig erzählt, eine der höchsten Auszeichnungen in Frankreich für Verdienste um das französische Bildungswesen. Wird mit Bambi/Marie-Pierre und in „Bambi“ aber nicht eine andere aktuelle, ganz grundlegende gesellschaftliche Tendenz zur Verunsichtbarmachung evident, die nicht mit der grundlegenden gesellschaftlichen Verunsichtbarmachung Alternder, gleich welcher sexueller Neigung, zusammenhängt? Undenkbar, so Bambi, sei doch als Prof. Marie-Pierre Ysser für die Menschen in ihrer Umgebung gewesen, sie sich als Jean-Pierre Pruvot, Travestiekünstler am Le Carousel, vorzustellen, ja, ihr bester ‚Schutz‘ sei dies gewesen. Ist das nicht aber auch ambig insofern, als eben dieser Schutz, der aus der generellen Tendenz zur Ignoranz wie Mangel an Imagination überhaupt erst ermöglicht wird, den verunsichtbarmachenden Schleier gesellschaftlicher Blindheit gegenüber der Existenz von Trans*leben offen legt?

„Bambi“ – Foto: Edition Salzgeber

Die unterbrochene filmische Narrative: „Mein Leben war eine Routine“, so Bambi. Die nicht vollendete Zeile, sie vermag hier diese abermalige Wendung zu erzeugen, diesen Zauber, der einen als Kind befallen hat, durch ein Guckloch auf glitzernde Mosaike am Ende einer kleinen Röhre schauend, die sich immer wieder zu anderen Mustern formen, wenn sie gedreht wird und von denen wir einmal mit Staunen lernten, dass sie doch aus immer den gleichen Steinchen bestehen, aber nein, wie kann das nur sein? „Mein Leben war eine Routine“, so Bambi, „eine glückliche. Da war die Illusion, einen Unterschied machen zu können, interagierend mit den Studierenden. Sie bekommen Unterricht in Menschlichkeit jeden Tag. Ich liebte das Unterrichten, liebte es absolut. Ich bin ganz darin aufgegangen. Es war eine Chance, etwas zu entdecken, zu teilen, ihr innerstes Selbst, ihre Lebenserfahrungen.“

Monsieur Lifshitz, „Bambi“ und „Die Unsichtbaren“ schauend, scheinen Sie mir ein als Regisseur getarnter Historiker und Dichter zu sein, lyrischer Archäologe des alltäglich-untäglichen Nicht-Fremden, in der gewählten Tarnung ein Paradox aus all dem Unfassbaren, das wir Wesentliches, für das Auge nicht Sichtbares nennen. Vogelschreie, nacktes noch-nicht-Auge, lebendig. Zum Fliegen geboren.




Die Unsichtbaren / Bambi
von Sébastien Lifshitz
FR 2012/13, 115/60 Minuten, FSK 12,
französische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

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