Herr von Bohlen

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André Schäfer erzählt in „Herr von Bohlen“ die Legende vom letzten Krupp, dem schwulen Paradiesvogel in einer grauen Dynastie und liebsten Hassobjekt der deutschen Nachkriegskrawallpresse: Arndt von Bohlen und Halbach. Mit sachten Tricks und großartigem doppelten Boden, als Spiel- und Dokumentarfilm gleichermaßen, und mit einem Hauptdarsteller, der aus den von-Bohlen-Originalzitaten einen ganz eigenen Text macht: „Der letzte Krupp tanzte aus der Reihe – aber wenigstens tanzte mal einer.“

Das Tantige

von Paul Schulz

Arndt von Bohlen und Halbach war, als er am 8. Mai 1986, einem sonnigen Donnerstag, starb, 48 Jahre alt und längst eine deutsche Legende. Diese beginnt am 24. Januar 1938. Seine Mutter Anneliese ist, als ihr einziger Sohn geboren wird, 29 Jahre alt und die Frau eines der reichsten Männer Europas: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Der ist gerade dabei, noch reicher zu werden, indem er in den eigenen Fabriken Kanonen und anderes Kriegsgerät fertigen lässt, mit denen Hitlers Armeen in den folgenden sechs Jahren Millionen Menschen quer durch ganz Europa abschlachten. Weil einen mehrfacher versuchter Völkermord schon beschäftigen kann und Alfried und seine Mittäter in den Nürnberger Prozessen nach Kriegsende zu langen Haftstrafen verurteilt werden, wächst Arndt so gut wie ohne Vater auf. Das tut ihm nicht gut. Oder vielleicht doch, man weiß das nicht so genau. Seine Mutter Anneliese hält jedenfalls immer zu ihrem zarten Kind mit den großen Augen. Auch wenn sie relativ früh gewusst haben wird, dass Arndt zum Völkermord wohl zeitlebens die Durchsetzungskraft fehlen wird. Mütter wissen sowas.

Obwohl sein Vater nach ein paar Jahren wieder aus dem Gefängnis kommt, weil „das Land ihn braucht“, wie er sagt, wird Arndt in den Internaten, auf die ihn seine Mutter schickt, „Kriegsverbrechersohn“ genannt. Zu Recht, aber sowas ist traumatisch für ein Kind, besonders, wenn er so ist wie Arndt: bisschen weich, bisschen verträumt, bisschen anders als die anderen Jungs. Da er aber ja nun auch der einzige Sohn ist, wird er, soviel dynastisches Denken muss sein, über ein Betriebswirtschaftsstudium und Praktika in den unterschiedlichen Zweigen der väterlichen Firma auf deren Übernahme vorbereitet. Bis Papa sein Kind dabei kennenlernt und wohl noch einmal genau überlegt, ob in Zeiten des überaus schwierigen Osthandels und massiver Rezession einer wie sein Sohn die Firma übernehmen sollte. Oder, wie Arndts väterlicher Intimfeind Berthold Beitz es später zusammenfasst, „Arndts Veranlag …, also sein Charakter“ habe dem Vorhaben schon irgendwie im Weg gestanden. „Mir hat das nie jemand zugetraut“, weiß auch das Kind.

Am 16. September 1966, ein knappes Jahr vor dem Tod seines Vaters, verzichtete Arndt von Bohlen und Halbach auf sein Erbe. Das waren, je nachdem, wie man es berechnet, immerhin zwischen 2,5 und 3,5 Milliarden D-Mark. Ein geschäftlicher Schachzug, der die Familie von der vernichtenden Steuerlast erlöst, die sich durch den Erbvorgang noch erhöht hätte. Und ein sagenumwobener Deal, der Berthold Beitz, dem Kopf dahinter, einen Platz in der deutschen Wirtschaftsgeschichte sichert, weil er und ein paar andere kruppstahlharte Männer mit der „Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung“ die größte gemeinnützige Organisation der relativ jungen Bundesrepublik ins Leben rufen. Arndt ist nun „der reichste Frührentner Deutschlands“. So steht es jedenfalls in den Klatschblättern von München bis Hamburg. Deren LeserInnen nicht verstehen, wie man seine Apanage von zwei Millionen Mark jährlich überhaupt ausgeben kann. „Ich finde, das geht ganz einfach“, sagt der Milliardärssohn, der sich mit Aussagen wie: „Arbeit? Das hat mir gerade noch gefehlt!“, nicht gerade beliebt macht in einem Wirtschaftswunderland, das sich zeitgleich mit der Studentenbewegung und seinen wütenden Kindern in der RAF auseinandersetzen muss.

Obwohl er sich gern schminkt und mit jungen „Bürschchen“ umgibt, heiratet Arndt am 14. Februar 1969 auf Schloss Blühnbach Henriette (‚Hetti‘) von Auersperg, die Tochter von Alois von Auersperg und Henriette Larisch von Mönnich. Die Ehe bleibt, wenig überraschend, kinderlos. Statt Nachwuchs bekommt Hetti 250.000 Mark im Jahr. Arndt ist bis zu seinem Tod ein Star des europäischen und internationalen Jet Sets, über den fast so viel geschrieben wird wie über seinen Freund Gunther Sachs, kauft sich Freunde und Begleiter, hält sich Maler und versteckt sich in der Küche seines Lieblingsrestaurants in München vor Berthold Beitz, wenn der ihn wegen geschäftlicher Belange dringend sprechen will. Am 8. Mai 1986 stirbt Arndt, während Deutschland den Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus begeht, im Münchner Klinikum Großhadern an Mundbodenkrebs, von dem viele sagen, er sei erst durch seine zahllosen Schönheitsoperationen ausgelöst worden. Am Ende seines Lebens sah er ein bisschen aus wie Michael Jackson und hatte entschieden, sich lieber in vergitterten Räumen auf Schloss Blühnbach von der Welt zurückzuziehen als hässlich vor sie zu treten. „Wie der Mann mit der eisernen Maske“. Seine Mutter Anneliese überlebt den Sohn um zwölf Jahre und muss mit ansehen, wie nach seinem Tod jahrelang um die Steuerschulden ihres Kindes gestritten wird, bis sich Roman Herzog einschaltet und sie sich mit Hetti und dem Freistaat Bayern einigen können.

Foto: Edition Salzgeber

Verkannt, verraten, verleumdet. Wie man sieht: Das Leben von Arndt von Bohlen und Halbach gibt einen herrlichen Filmstoff ab. Das hat auch André Schäfer erkannt, der mit „Herr von Bohlen“ jetzt genau diesen Film vorlegt und dabei alles richtig macht. Denn er kleidet seine Hauptfigur nicht in die schlecht sitzenden Gewänder einer großen fiktionalen Spielfilmoperette, sondern hat einen Hauptdarsteller, den wunderbaren Arnd Klawitter, der auf der Suche nach „dem Tantigen“ seiner Figur, Zitate aus Interviews von sich gebend, zu den Originalschauplätzen der wahren Handlung fährt und dort spazieren geht, Drinks mixt, seinen Lidstrich nachzieht, Partys feiert und mit seinem jungen Begleiter (Arne Gottschling) schäkert. Auf Schlössern und Booten, auf Friedhöfen und in lumpigen Partykellern. Unterbrochen von Interviews mit denen, die Arndt mochten: unter anderen seinem Buchhalter, Michael Graeter, dem berühmtesten Klatschjournalisten der BRD, seinem Haus- und Hofmaler und dem Ehepaar, das sein Lieblingsrestaurant in München führte. Eingestreut sind seltene Originalaufnahmen mit den Protagonisten: Beitz kommt genauso zu Wort wie Arndt selbst und dessen Vater.

Das Ergebnis ist, je nachdem aus welchem Blickwinkel man es betrachtet, die herrlich verklatschte Geschichte eines Unglücksraben, eine Moritat darüber, welche Werte sich nach dem Tod von sechs Millionen Juden im Nachkriegsdeutschland durchgesetzt haben, oder ein sehr unterhaltsamer Horrorfilm über ein komplett misslungenes Leben. Vielleicht auch all das zusammen.
Denn man weiß ja: alles wahr. Man weiß auch: Schlimm ist das. Man kichert und gruselt sich und bestaunt, jedenfalls wenn man dort nicht aufgewachsen ist, wie unfassbar dämlich die Münchner Schickeria immer noch ist, schon, weil ihre Vertreter auch in den Interviews hier nicht von ihrer kaum verhohlenen Bewunderung ablassen können für einen, der sich gern „Baron“ nennen ließ, aber nichts Stählernes hatte und dessen Leben grausig gewesen sein muss, aber wohl genau das sein sollte. Die vor Unglück schreiende Leere in der High Society der 1970er und 80er ist, obwohl es die Macher nicht offensichtlich darauf anlegen, ohrenbetäubend laut. Der moralische Muff und die immanente Homophobie, die hinter all den Aussagen lauern, die hier eigentlich wohl liebevoll gemeint sind, verschlagen einem schier den Atem. Wie hier jemand Zeit seines Lebens versucht, einen Platz in der Welt zu finden, aber da nie ankommt, das ist in seiner offensichtlichen Folgerichtigkeit schrecklich.

Das Aufeinandertreffen eines industriellen Schwerverbrechers, der stolz ein Interview über seine riesige Firma gibt, während sein Elfenkind im Hintergrund hilflos und verstört an einem kleinen Maschinenteil dreht, ist ein Bild shakespearschen Ausmaßes, das Schäfer hier in einer Originalaufnahme zeigt, ohne es weiter kommentieren zu müssen, und das einem alles erzählt, was man über den Umgang mit Homosexualität in der damaligen Zeit wissen muss. Dem Regisseur gelingt es mit sachter Hand und durch eine sehr gelungene Montage, zu zeigen, wie es gewesen sein muss, Arndt von Bohlen und Halbach zu sein, wie es sich angefühlt hat, für ihn und für andere. Etwas Besseres kann man über einen Dokumentarfilm nicht sagen.



Herr von Bohlen DVD
Herr von Bohlen
von André Schäfer
DE 2015, 90 Minuten, FSK 0,
deutsche OF,
Edition Salzgeber
www.herrvonbohlen.de




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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