Catfight

TrailerDVD / Blu-ray

Als Veronica eines Morgens in einem Krankenhauszimmer aufwacht, warten drei schlechte Nachrichten auf sie. Die erste: Sie lag zwei Jahre im Koma. Die zweite: Währenddessen ist ihr Mann gestorben. Die dritte: Auch ihr Sohn ist tot – gefallen in einem neuen Krieg der USA gegen den Terror im Nahen Osten. Was nach dem Beginn eines Dramas klingt, ist tatsächlich der Anfang einer tiefschwarzen Komödie, in der sich Frauen endlich mal ohnmächtig prügeln und maßlosen Rachegelüsten hingeben dürfen. „Catfight“, der hierzulande direkt auf DVD und Blu-ray herauskommt, ist derbes und extrem komisches Anti-Spießer*innen-Kino.

Foto: Koch Media

No Country for Good Girls

von Inga Pylypchuk

Veronica (Sandra Oh) hatte vor ihrem Koma-Absturz ein gut organisiertes Leben: Ihr Mann hat für sie Geld verdient, ihr Hausmädchen für sie gekocht. Sie hat gerne Mal ein Paar Gläschen Wein zu viel getrunken, ging dann ihrem Sohn auf die Nerven und redete auf ihn ein, er solle doch etwas Vernünftiges studieren, statt ständig irgendwas in sein Heft zu kritzeln. Beim Mittagessen beteten sie, „für alle Fälle“. Ein musterhafter bürgerlicher Haushalt sozusagen. Bis Veronicas Welt eines Abends gehörig ins Wanken geriet.

Das Setting dieses Abends: Eine Party mit vielen reichen Leuten. Als Veronica sich ein Glas Wein holen will, stößt sie hinter der Theke auf ihre lesbische Intimfeindin aus dem College: Ashley (Anne Heche), blond, zierlich, mittellose Künstlerin. Ashley schenkt Veronica Wein ein. Eigentlich helfe sie heute nur einer Freundin beim Catering aus, verteidigt sie sich, aber im Grunde will Ashley vor Scham am liebsten in der Erde versinken. Und Veronica setzt zu einem fiesen Tiefschlag an, begleitet von einem süffisanten, abwertenden Lächeln: „Machst du noch dieses Kunstding?“ Wenige Augenblicke später prügeln sich die beiden Frauen im Treppenhaus. Brutal, blutig, bis Veronica im Koma landet.

Frauen, die sich schlagen – das sind immer noch eher ungewohnte Filmbilder, die gewisse Fragen aufwerfen: Ist weibliche Gewalt unschuldiger als männliche? Sind solche Szenen noch ein Tabu-Bruch und damit gewissermaßen widerständig im Sinne des Feminismus? Oder ist Gewalt, egal von wem sie ausgeht, grundsätzlich patriarchal und passt damit eher nicht ins queere Kino?

Ashley und Veronica hauen jedenfalls gemäß den Genrekonventionen der Gewaltgroteske gnadenlos aufeinander ein. Der türkisch-amerikanische Regisseur Onur Tukel hat einen Film gemacht, der in seiner Geradlinigkeit und Härte durchaus an die Filme der Coen-Brüder erinnert. Ruck-zuck, blutige Nase, Krankenhaus. Dabei fließen keine Tränen, und die Darstellung der Gewalt ist stets mit einer Prise Humor durchsetzt, so dass auch sensible Zuschauer*innen diesen ersten Höhepunkt des Films ohne Nervenzusammenbruch überleben.

Foto: Koch Media

Überleben wird auch Veronica. Als sie nach zwei Jahren aus dem Koma erwacht, ist sie, die alles verloren hat, von einem einzigen Gefühl überwältigt: Rache! Inzwischen hat ihre Feindin Erfolg mit ihrer Kunst. Ashleys schrille, rot-lastige Malerei, die ihre Assistentin früher stets abschätzig als „das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann“ bezeichnet hat, verkauft sich nun wie warme Semmeln. Der Krieg, an dem die USA seit zwei Jahren teilnehmen, hat die Weltanschauung der Menschen verändert. Das bringt Ashley Geld und Ruhm. Jetzt will sie mit ihrer Freundin (Alicia Silverstone) ein Kind bekommen – und wird schwanger. Doch diese lesbische Familie ist die Verkörperung einer unfassbaren Spießigkeit, die der satirische Blick des Regisseurs bei jeder Gelegenheit unterstreicht.

Wie besessen schleppt Ashleys Freundin eine Puppe in einer Babytrage umher, weil sie auf diese Weise ihre Mutterschaftsfähigkeit testen will. Die Geschenke für das Kind werden schon Monate vor der Geburt ausgepackt und streng bewertet. „10 Prozent Polyester!? Nein, Polyester ist nicht gut für Babyhaut!“ Nichts ist für die zukünftige Co-Mutti gut genug. Aber auch dieses ziemlich verlogene Familienidyll wird bald von einer neuen Schlacht zwischen Ashley und Veronica zerstört, die dem ersten Kampf an Grausamkeit in nichts nachsteht. Bevor die Fäuste fliegen, zerreißt Veronica ein Bild von Ashley, das sie direkt von der Vernissage gestohlen hat. Es ist ein Dreichfach-Porträt Veronicas, wie sie Ashley offenbar aus dem ihrem Zusammenstoß in Erinnerung hat: rot, röter, fast nur noch Blut.

Foto: Koch Media

Diesmal ist es Ashley, die ins Koma fällt, aber auch sie wacht zwei Jahre später wieder auf. Das narrative Prinzip von „Catfight“ ist der Zyklus der Rache, ist der Zyklus des Komas. Der Knock-out als Befreiungsschlag, der die Frauen aus dem Leben haut und den Beginn eines neuen Abschnitts unter neuen Regeln markiert. Natürlich verliert auch Ashley alles. Sie kann nach dem Koma nicht mal mehr vernünftig einen Stift in der Hand halten, ganz zu schweigen von der Fehlgeburt ihres Babys, das gar kein Polyester hätte tragen dürfen, und dem Verrat ihrer Freundin, die sich gleich nach dem brutalen Zwischenfall einen Mann geangelt und eine neue – noch spießigere! – Familie gegründet hat.

Als Ashley ihre zuvor gequälte Assistentin einmal fragt, warum sie, die in der Zwischenzeit eine erfolgreiche Comic-Grafikerin geworden ist, ihr eigentlich noch hilft, bekommt sie zur Antwort: „Manchmal ist Erfolg die beste Rache.“ Und dann: „Es macht mir große Freude, Sie so elend zu sehen. Ich meine: Ihr Leben ist vorbei.“ Das sind die brutal ehrlichen Dialoge, die „Catfight“ so sehenswert machen.

Foto: Koch Media

Bei allem Witz ist dieser Film auch eine Satire auf die aktuelle amerikanische Gesellschaft. Er zeigt, wie nah diese Gewaltmustern ist und wie wenig sie einem realen Krieg entgegensetzten kann. Jeden Abend schauen sich die Protagonist*innen von „Catfight“ alberne Abendshows im Fernsehen an. Der Unterhaltungstrick, der sie ständig begleitet, heißt „Furzmaschine“: Ein Mann furzt auf der Bühne, die Zuschauer*innen lachen, und dann ist alles wieder gut. In dieser Zeit dominiert die Gewalt bereits den Alltag von Menschen – ohne dass sie es merken. Und der Krieg? Er setzt sich auf allen Ebenen fort. Bis zur dritten Schlacht zwischen Veronica und Ashley.

 



Catfight
von Onur Tukel
US 2016,  92 Minuten, FSK 16,
deutsche SF, englische OF mit deutschen UT,
Koch Media

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