Im Kino

Beach Rats

Beach Rats

Im Januar ist in der queerfilmnacht schon wieder Sommer, und zwar auf Coney Island. Tagsüber hängt Frankie mit seinen Hetero-Kumpels am Strand ab, abends datet er Simone, nachts zieht es ihn in schwule Chatrooms – und irgendwann in die Cruising-Bereiche am Flussufer. Die US-amerikanische Filmemacherin Eliza Hittman fängt Frankies Coming-of-Age am äußersten Rand New Yorks, wo Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität zum Alltag gehören, mit derart poetisch-realistischen Bildern ein, dass sie dafür vergangenes Jahr in Sundance mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Die große Entdeckung des Films ist ihr Hauptdarsteller Harris Dickinson, der Frankies Ambivalenzen zwischen lässigem Nichtstun, Verdrängung und homosexueller Erregung derart glaubwürdig verkörpert, dass ihn Teile der US-Presse zum neuen Shooting Star des Independent-Kinos ausgerufen haben. Unser Autor Frédéric Jaeger driftet mit ihm durch Tag und Nacht.
Queercore: How to Punk a Revolution

Queercore: How to Punk a Revolution

Regisseur Yony Leyser erzählt in seinem neuen Dokumentarfilm die Geschichte jener lose verbundenen Gruppe von nordamerikanischen Punk-Künstler_innen, die in den 1980er und 90er Jahren ihre queeren Identitäten radikal ins Zentrum der eigenen Arbeiten rückten – und sich damit nicht nur gegen die damals von heterosexuellen Männern dominierte und latent homophobe Punk-Bewegung auflehnten, sondern auch gegen den allzu angepassten schwulen Mainstream. "Queercore", der ab Donnerstag im Kino läuft, gewährt spannende Einblicke in eine Szene, über die man hierzulande wenig weiß, erinnert unseren Autor Peter Rehberg aber auch etwas zu sehr an eine Geschichtsstunde. Läuft das klassische Bildungsformat des Films vielleicht sogar an zentralen Ideen der Bewegung vorbei?
Ein Date für Mad Mary

Ein Date für Mad Mary

Irland sei vor allem eins, sagt das Klischee: rau und unverblümt. Da wird nicht verschönt und verbrämt, da gibt’s Pubs und Prügeleien und harte Schalen mit weichen Herzen. Könnte stimmen, wenn man dem irischen Coming-of-Age-Film "Ein Date für Mad Mary" glaubt, der diesen Monat in der queerfilmnacht läuft und ab 14. Dezember auch regulär im Kino zu sehen sein wird. Verkratzte Charaktere, superbe Schauspielerinnen, ein guter Soundtrack und – ganz nebenbei – eine lesbische Liebe machen das Spielfilmdebüt des Regisseurs Darren Thornton zu einer großen Entdeckung. Von Tania Witte.
120 BPM

120 BPM

Paris, Anfang der 1990er. Seit fast zehn Jahren wütet Aids in Frankreich, doch noch immer wird über die Epidemie in weiten Teilen der Gesellschaft und der Politik geschwiegen. ACT UP, eine Aktivistengruppe von Betroffenen, will auf die Missstände aufmerksam machen und schreckt auch vor spektakulären Protestaktionen nicht zurück. Der französische Regisseur Robin Campillo, der sich selbst jahrelang bei ACT UP engagierte, hat über diese Zeit nun einen großartigen Spielfilm gemacht – und damit dem französischen Aids-Aktivismus ein längst überfälliges filmisches Denkmal gesetzt. Durch die berührende Liebesgeschichte zwischen Nathan und Sean, zwei Mitgliedern der Gruppe, entfaltet "120 BPM" eine geradezu revolutionäre Kraft: In einem historischen Moment, in dem für HIV-Positive und deren Freunde das Politische von persönlicher, ja existentieller Bedeutung ist, begegnen die beiden der gesellschaftlichen Ignoranz und der Angst vor dem Tod mit rasendem Widerstand und einem unbändigen Willen zu leben. "120 BPM" wurde im diesjährigen Wettbewerb von Cannes uraufgeführt und u.a. mit dem Großen Preis der Jury und der Queer Palm ausgezeichnet. Der Film ist für zwei Europäische Filmpreise nominiert und wird von Frankreich offiziell ins Oscar-Rennen geschickt. Ab Donnerstag startet Campillos Meisterwerk, das viele für den wichtigsten queeren Film des Jahres halten, in den deutschen Kinos. Sascha Westphal hat sich mitreißen lassen.
Überleben in Neukölln

Überleben in Neukölln

Rosa von Praunheim hat halbrunden Geburtstag und uns zur Feier einen neuen Film aus Neukölln mitgebracht. Das queere Panorama aus Porträts von kreativen, verrückten und – im Praunheimschen Sinne – herrlich perversen Bewohner_innen des berüchtigten Szenebezirks setzt das Prinzip der unangepassten Lebenstraumerzählungen fort, mit dem der Regisseur seit nunmehr 50 Jahren die heterornormativen Strukturen der deutschen Kino- und Fernsehlandschaft unterwandert. Eine Hommage von Jan Künemund.
Professor Marston and the Wonder Women

Professor Marston and the Wonder Women

Patty Jenkins' "Wonder Woman" war einer der großen Überraschungserfolge des Kinojahres. Ihr Film über die weltweit wohl bekannteste Superheldin stach beinah jede andere Comic-Adaption mit männlichem Personal aus und machte die israelische Hauptdarstellerin Gal Gadot zu Hollywoods neuem Shooting Star. Regisseurin Angela Robinson ("Spy Girls – D.E.B.S.", "The L-Word") erzählt in dem Biopic "Professor Marston and the Wonder Women" nun die hochspannende Lebensgeschichte des Psychologie-Professors und Wonder-Woman-Erfinders William Marston a.k.a. Charles Moulton, der mit seiner Frau und einer gemeinsamen Geliebten in einer Dreierbeziehung lebte – was in den USA der 40er Jahre als reichlich unerhört galt. Unser Autor Patrick Heidmann ist vor allem von Robinsons unvoreingenommem Blick auf Polyamorie begeistert.
Die Misandristinnen

Die Misandristinnen

Im neuen Film des kanadischen Kultregisseurs Bruce LaBruce („The Raspberry Reich“, „Otto; or, Up with Dead People“, „Gerontophilia“) geht es um eine queer-feministischen Terrorstinnen-Zelle, die „irgendwo in Ger(wo)many“ hinter der Fassade eines katholischen Mädcheninternats den Umsturz des Patriarchats vorbereitet, ehe ein verletzter Soldat ins Haus gelangt und die Ordnung der Frauen empfindlich stört. Nicht ohne Grund mögen bei der Geschichte manche an den jüngsten Film von Sofia Coppola, „Die Verführten“ (2017), denken. Beide Filme sind Remakes von Don Siegels Bürgerkriegsmelodram „The Beguiled“ (1971). Das ungleich geringere Budget seines Films kompensiert LaBruce mit der Besetzung von queeren Underground-Stars (wie Susanne Sachsse und Kembra Pfahler) und radikalen Regieeinfällen, die die Grenzen des guten Geschmacks bis aufs Äußerste ausreizen. Lukas Foerster wagt eine filmhistorische und queerpolitische Einordung.
God’s Own Country – Interview mit Francis Lee

God’s Own Country – Interview mit Francis Lee

Morgen startet "God's Own Country", das vielgelobte und -prämierte schwule Liebesdrama des Engländers Francis Lee, in den deutschen Kinos. Patrick Heidmann hat sich für sissy vorab mit Lee über dessen eigene Jugend in den rauen Berglandschaften von Yorkshire unterhalten, über die Arbeit mit seinen ungemein wandlungsfähigen Hauptdarstellern und warum der oft bemühte Vergleich mit "Brokeback Mountain" auf seinen Film nur bedingt zutrifft.
God’s Own Country

God’s Own Country

Inmitten der archaischen Berge und Hochmoore Yorkshires erzählt Regisseur Francis Lee die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Schafsfarmer Johnny und dem rumänischen Saisonarbeiter Gheorghe derart mitreißend und bildgewaltig, dass "God Own Country" seit seiner Weltpremiere in Sundance von der Filmkritik kontinuierlich als „britisches ‚Brokeback Mountain‘“ bezeichnet wird. Für sissy schreibt Matthias Frings, warum der Film den Vergleich zu Ang Lees Meilenstein des Queer Cinema nicht zu scheuen braucht und dennoch eine ganz andere, dreckigere und realistischere Perspektive auf seine Figuren und ihre Liebe entwickelt. Ab 26. Oktober ist der Film bundesweit im Kino zu sehen.
Tom of Finland: Interview mit Dome Karukoski

Tom of Finland: Interview mit Dome Karukoski

Dem Regisseur Dome Karukoski ist das zweifelhafte Kunststück geglückt, die obszöne Schwulenikone Tom of Finland zur Hauptfigur eines großformatigen und – zumindest in Finnland – massenkompatiblen Biopics zu machen. Im Interview mit sissy erzählt er, warum Tom of Finland für ihn eine Art schwuler James Bond ist, was Toms Kunst besonders explosiv macht und was die Finnen heute über einen ihrer bekannten Künstler denken.