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Take Me for a Ride

Take Me for a Ride

Ein Lichtstrahl, der durch Baumkronen bricht; ein Sommerkleid, das im Wind weht; nackte Füße, die über feuchtes Laub wandern; das Rauschen des Meeres. Für ihr sinnlich-konzentriertes Coming-of-Age-Drama über zwei Einzelgängerinnen, die zu einem intimen Paar verschmelzen, findet die junge Regisseurin Micaela Rueda von Beginn an eine naturverbunden betörende Filmsprache. Die beiden Hauptdarstellerinnen Samanta Caicedo und María Juliana Rángel entwickeln die Beziehung zwischen Sara und Andrea ohne viele Worte, sondern mit zärtlichen Blicken, Küssen, Berührungen. Ein Film der leisen Zwischentöne und großen Empfindungen. Von Jessica Ellen.
Esteros

Esteros

Papu Curottos Langfilmdebüt „Esteros“ ist eigentlich ein schwules Coming-out-Drama, wirkt aber zunächst wie ein Zombiefilm. Dabei erzählen der Regisseur und seine Drehbuchautorin Andi Nachon nur am Rande von schlurfenden Untoten. Ihrem Film mangelt es streckenweise schlicht an Lebendigkeit. Doch wer sich von dem anfänglichen Kleben an filmischen Konventionen nicht verschrecken lässt, wird mit unverhofften Wendungen belohnt – und mit schwelgerisch leichten Landschaftsimpressionen, die von einer Liebe erzählen, die dabei ist, sich zu befreien. Von Carsten Moll.
Moonlight

Moonlight

Nun startet er endlich in den deutschen Kinos, der erste mit dem Oscar für den Besten Film des Jahres ausgezeichnete Spielfilm mit nicht-heterosexueller Geschichte. Es gibt so viel Buzz und Gerede über „Moonlight“, über Oscars jetzt nicht mehr „so white“, schwule vs. queere Hauptfigur, den vermeintlichen Gegenentwurf zum „La La Land“, den Siegeszug eines Films aus mehrfacher Minderheitenposition heraus, dass unserer Text lieber wieder auf den Film selbst schauen möchte – auf sein Material, seinen Fluss, seine konstanten Transformationen. Es werden hoffentlich sowieso alle ins Kino gehen und sich selbst ein Bild machen. Von Noemi Yoko Molitor.
Certain Women

Certain Women

Kelly Reichardts neuer Film erzählt drei Geschichten über Frauen in Montana. Langsam und konzentriert arbeitet sie die Vielschichtigkeit in den scheinbar unspektakulären Episoden aus dem Leben der Heldinnen heraus. Am schönsten vielleicht im dritten Teil, in dem eine Pferdepflegerin sich allmählich in die unerfahrene Anwältin aus der Großstadt verliebt, die von Kristen Stewart gespielt wird – wer mag es ihr verdenken. Es entwickelt sich eine der schönsten lesbischen Beinahe-Romanzen, die in letzter Zeit im Kino zu sehen waren. Von Barbara Schweizerhof.
Liebmann

Liebmann

Ein Deutscher, der nicht herausrückt mit der Sprache, mietet sich im Norden Frankreichs ein, wo er von Männern und Frauen umschwärmt wird, die sich von seinem schlechten Französisch nicht in die Flucht schlagen lassen. Sie möchten, genau wie wir, seinem Geheimnis auf die Schliche kommen. Jules Herrmans Debütspielfilm „Liebmann“, in der Berlinale-Perspektive 2016 uraufgeführt, verwirrt kunstvoll, bleibt aber im großen Drama ausgesprochen léger. Von Jan Künemund.
Die Taschendiebin

Die Taschendiebin

Die Bereitschaft zu schockieren hat den koreanischen Regisseur Park Chan-wook („Sympathy for Mr. Vengeance“, 2002; „Oldboy“, 2003; „Lady Vengeance“, 2005) zur Kultfigur unter den Fans blutiger Spektakel aufsteigen lassen, seinen Filmen aber auch den Ruf eingebracht, nur etwas für den „eingeübten Geschmack“ zu sein, mithin für die, die ein gewisses Maß an Blut und Gewalt mit blasierter Macho-Geste wegstecken. Wer in dieser Hinsicht schon von „Stoker“ (2013), Parks „gezähmtem“ Ausflug ins amerikanische Kino, enttäuscht war, wird sich über „Die Taschendiebin“ erneut wundern. Hier zeigt sich Park nämlich von einer bislang eher unbekannten Seite: als Meister in der Kunst der Zurückhaltung. Und als Meister darin, zu zeigen, was unter der Oberfläche von Zurückhaltung alles schwelen kann. Von Barbara Schweizerhof.
The Blue Hour

The Blue Hour

Der eben auf DVD erschienene Film "The Blue Hour" der thailändischen Regisseurin Anucha Boonyawatana hält einige Überraschungen parat – nicht nur weil er ein (schwules) Thailand zeigt, das selbst der neugierige Tourist nur selten zu Gesicht bekommt, sondern vor allem weil das anfängliche Schmunzeln auf den Lippen über die süße Coming-out- und Liebesgeschichte bald einem vor Entsetzen weit geöffneten Mund weicht. Ein Cruising-, Liebes- und Coming-out-Film, die sich langsam aber sicher zu einem Geister- und Horrorfilm wandelt. Von Micha Schulze.
Barash

Barash

Der israelische Coming-of-Age-Film „Barash“, der im November in der queerfilmnacht läuft, wurde von der Filmkritik mit Abdellatif Kechiches Cannes-Gewinner „Blau ist eine warme Farbe“ verglichen: ähnlich authentisch, genauso hip! Das Besondere an Michal Viniks Regiedebüt ist sein politischer Subtext: „Barash“ erzählt nicht nur davon, wie es für ein Mädchen ist, sich das erste Mal in anderes Mädchen zu verblieben, sondern stellt auch die Frage, wie frei man als junge Frau im heutigen Israel leben kann. Von Tania Witte.
Lichtes Meer

Lichtes Meer

Das Meer eignet sich seit Ewigkeiten als Kulisse für schwules Seemansgarn. Nicht selten ist früher einer aufs Schiff, um der heimatlichen Sexualkontrolle zu entfliehen. Doch wie lässt sich mannmännliche Romantik heute erzählen, in Zeiten der modernen Frachtschifffahrt? Stefan Butzmühlen ist das Wagnis eingegangen. "Lichtes Meer" erzählt von einer Matrosenliebe zwischen Vorpommern und Martinique, mit schluchzendem Soundtrack und wilden Meeresbildern, aber auch mit Blick für heutige Realitäten und beiden Beinen auf leicht schaukelndem Boden. Von Nikolaus Perneczky.