Flammende Bilder

das nicht-heterosexuelle Filmprogramm

Die Wunde

Die Wunde

Queere Filme aus Afrika, wo Homosexualität noch immer in vielen Ländern tabuisiert, in einigen sogar unerbittlich verfolgt wird, sind selten. Selbst in Südafrika, das als eher progressiv gilt, wird außerhalb der großen Städte darüber nur selten offen gesprochen. John Trengove erzählt in seinem Debütfilm nicht nur von einer unterdrückten schwulen Liebe zwischen zwei erwachsenen Xhosa-Männern. Er bricht auch noch mit einem zweiten Tabu seines Heimatlandes, indem er die Geschichte von Xolani und Vija in das uralte Ukwaluka-Beschneidungsritual einbettet. Das Ritual, das die beiden als Mentoren betreuen, soll den rebellischen Stadtjungen Kwanda zum „richtigen“ Mann machen, tatsächlich bringt der aber Xolanis Selbstbild radikal ins Wanken. Auf die universelle Frage, wie man schwules Begehren in einer von maskulinen Rollenbildern dominierten Kultur leben kann, findet Trengove als Antwort packende und magisch berührende Bilder. Nachdem „Die Wunde“ bereits in Sundance und im Panorama der diesjährigen Berlinale gefeiert wurde, läuft er bei uns im August in der queerfilmnacht, bevor er am 14. September auch regulär im Kino startet. Von Esther Buss.
The Party

The Party

Die britische Regisseurin Sally Potter, die Mitte der 1960er die Schule abbrach, um Filme zu machen, und mit dem mit einem Frauenteam gedrehten Erstling „Gold Diggers“ (1983), später mit „Orlando“ (1992) queer-feministische Meilensteine in die Filmgeschichte setzte, ist auch 2017 kein bisschen braver geworden. Im Gegenteil: Mit ihrem energetischen Schnellschuss „The Party“ zeichnet sie kammerspielartig aktuelle (geschlechter-)politische Frontlinien nach und brachte damit Schwung in den Berlinale-Wettbewerb. Hilfe bekam sie dafür von einem Cast europäischer A-Schauspieler. Da knallen nicht nur die Sektkorken. Von Alexandra Seitz.
Der Ornithologe

Der Ornithologe

Der neue, großartige Film von João Pedro Rodrigues („O Fantasma, 2000; „To Die Like a Man“, 2009) handelt von einem Ornithologen, der sich nach einem Bootsunglück alleine durch die Wälder Nordportugals kämpfen muss, vorbei an mysteriösen Hindernissen und erotischen Begegnungen. Rodrigues' sehr persönliche, höchst queere Interpretation der Legende des Heiligen Antonius ist wie ein Traum von Tod, Auferstehung und Märtyrertum: ein Delirium, in dem sich alle spirituellen und körperlichen Grenzen lustvoll auflösen. Bei den Filmfestspielen in Locarno wurde „Der Ornithologe“ zu Recht als Meisterwerk gefeiert und mit dem Silbernen Leoparden für die Beste Regie ausgezeichnet. Für uns wagt sich Sascha Westphal in Rodrigues' schwirrende Dschungelwelt der Rätsel und Verwandlungen, in der man erst alles verlieren muss, um sich selbst zu finden.
Noordzee, Texas

Noordzee, Texas

Ganze zehn Jahre hat der belgische Regisseur Bavo Defurne an seinem Debütfilm „Noordzee, Texas“ gearbeitet. Als die zarte Geschichte über die erste Liebe von zwei Jungen 2011 endlich in die deutschen Kinos kam, fand sissy: Das Warten hat sich gelohnt, der Film ist ein echter Kinotraum geworden! Anlässlich des Starts von Defurnes neuem Film "Ein Chanson für Dich" empfehlen wir eine Wiederbegegnung mit seinem romantischen Erstling - und mit Paul Schulz' mitreißender Beschreibung von dessen magisch-realistischen Wundheilungsfähigkeiten.
Ein Chanson für Dich

Ein Chanson für Dich

Isabelle Huppert singt wieder ­– in Rot! In „Ein Chanson für Dich“ (Originaltitel: „Souvenir“), dem neuem Film des „Noordzee, Texas“-Regisseurs Bavo Defurne, spielt sie eine ehemals gefeierte Sängerin, die sich schon lange aus dem Showbusiness zurückgezogen hat, als sie plötzlich mit der Möglichkeit eines Comebacks konfrontiert wird. Unsere Autorin Noemi Yoko Molitor findet, dass Dafurne damit eine der glaubwürdigsten Frauenfiguren jenseits der 50 entworfen hat, die es in den letzten Jahren im Kino zu sehen gab – auch weil Huppert diese Figur mit einer wundervollen Mischung aus abwartender Distanziertheit und verschrobener Würde belebt.
Catfight

Catfight

Als Veronica eines Morgens in einem Krankenhauszimmer aufwacht, warten drei schlechte Nachrichten auf sie. Die erste: Sie lag zwei Jahre im Koma. Die zweite: Währenddessen ist ihr Mann gestorben. Die dritte: Auch ihr Sohn ist tot – gefallen in einem neuen Krieg der USA gegen den Terror im Nahen Osten. Was nach dem Beginn eines Dramas klingt, ist tatsächlich der Anfang einer tiefschwarzen Komödie, in der sich Frauen endlich mal ohnmächtig prügeln und maßlosen Rachegelüsten hingeben dürfen. „Catfight“, der hierzulande direkt auf DVD und BluRay herauskommt, ist derbes und extrem komisches Anti-Spießer*innen-Kino. Von Inga Pylypchuk.
Dream Boat

Dream Boat

Acht Tage Kreuzfahrt mit 3.000 schwulen Männern aus 89 Nationen. Und Tristan Ferland Milewski war mit Kameras dabei. Für viele eine schreckliche Idee, für Anwesende eine große Party oder permanente Überforderung, für die Augen ein Fest, für den Filmemacher der Ansporn, hinter die oberflächliche Fassade des Glad-to-be-gay-Tourismus unter maximal reibungsfreien Bedingungen zu schauen. Ein Hoch auf die schwule Seefahrt. Oder sowas Ähnliches. Im Juli in der queerfilmnacht! Von Jan Künemund.
Dries

Dries

Der belgische Modemacher Dries van Noten gilt in seiner Branche als sensibler Stilist – und als einer der wenigen unter den namhaften Designern, die sich den Zugriffen der großen Labels ganz bewusst entziehen. Der deutsche Regisseur Reiner Holzemer hat über van Noten nun einen Dokumentarfilm gedreht. „Dries“ ist das Porträt eines äußerlich unauffälligen, künstlerisch jedoch überaus originellen Freigeistes. Von Barbara Schweizerhof.
ACT! – Wer bin ich?

ACT! – Wer bin ich?

In seinem neuen Dokumentarfilm „ACT! – Wer bin ich?“ schaut Rosa von Praunheim über den schwulen Tellerrand und findet mal wieder eine Heldin des Alltags, die ihre bürgerlichen Sicherheiten aufgegeben hat, um sich für soziale Veränderungen einzusetzen. Maike Plath macht „biografisches Theater“ mit Jugendlichen in Neukölln, deren Biografien andere oft nicht interessieren. Von Jan Künemund.
Mein wunderbares West-Berlin

Mein wunderbares West-Berlin

Mit einer Fülle von spektakulärem Archivmaterial und mitreißenden Interviews setzt Jochen Hick in seinem neuen, großartigen Dokumentarfilm "Mein wunderbares West-Berlin" der schwulen Mauerstadt ein persönlich eingefärbtes Denkmal. Vor dem offiziellen Kinostart am 29. Juni läuft der Film bereits den Juni über in der queerfilmnacht. Wir haben gleich drei Autoren aus mehr oder weniger unterschiedlichen Generationen gebeten, sich "Mein wunderbares West-Berlin" anzusehen. Frank Brenner, geboren 1974, hätte den Film gerne schon im Geschichtsunterricht behandelt. Toby Ashraf, Jahrgang 1982, lässt sich von der Offenheit der befragten Protagonist*innen berühren. Und für Hans Hütt, der 1953 zur Welt kam und selbst in West-Berlin gelebt hat, legen sich über Hicks Filmbilder Erinnerungen an alte Gefährten und die eigene Spur.