Made in Germany

Deutschland im Herbst

Deutschland im Herbst

Vor genau 40 Jahren, am Morgen des 18. Oktober 1977, fanden die Beamten im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim die Leichen der drei inhaftierten Linksterroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Die Suizide der drei Führungsfiguren der Roten Armee Fraktion (RAF) bildeten das Ende eines Herbsts des Schreckens, der mit der Verschleppung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September begann und mit der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" durch vier palästinensiche Terroristen am 13. Oktober seinen Höhepunkt erreichte. Bereits wenige Wochen nach dem "Deutschen Herbst" vereinten die Spitzen des deutschen Autorenkinos ihre kreativen Kräfte, um in einer beispiellosen Gemeinschaftsaktion und gegen die eigene radikale Verunsicherung den collagenhaften Episodenfilm "Deutschland im Herbst" zu drehen. Kluge, Schlöndorff, Reitz, Böll und Biermann – alle waren mit dabei. Die provokanteste, weil persönlichste Episode stammt aber von Rainer Werner Fassbinder. Zur längst überfälligen Erstveröffentlichung des Films auf Blu-ray hat sich Fritz Göttler "Deutschland im Herbst" noch einmal angesehen – und vorbei an Fassbinders verzweifelter Ratlosigkeit einen revolutionären Kern entdeckt, der das System ganz gewaltfrei destabilisiert.
Dream Boat

Dream Boat

Acht Tage Kreuzfahrt mit 3.000 schwulen Männern aus 89 Nationen. Und Tristan Ferland Milewski war mit Kameras dabei. Für viele eine schreckliche Idee, für Anwesende eine große Party oder permanente Überforderung, für die Augen ein Fest, für den Filmemacher der Ansporn, hinter die oberflächliche Fassade des Glad-to-be-gay-Tourismus unter maximal reibungsfreien Bedingungen zu schauen. Ein Hoch auf die schwule Seefahrt. Oder sowas Ähnliches. Im Juli in der queerfilmnacht! Von Jan Künemund.
ACT! – Wer bin ich?

ACT! – Wer bin ich?

In seinem neuen Dokumentarfilm „ACT! – Wer bin ich?“ schaut Rosa von Praunheim über den schwulen Tellerrand und findet mal wieder eine Heldin des Alltags, die ihre bürgerlichen Sicherheiten aufgegeben hat, um sich für soziale Veränderungen einzusetzen. Maike Plath macht „biografisches Theater“ mit Jugendlichen in Neukölln, deren Biografien andere oft nicht interessieren. Von Jan Künemund.
Mein wunderbares West-Berlin

Mein wunderbares West-Berlin

Mit einer Fülle von spektakulärem Archivmaterial und mitreißenden Interviews setzt Jochen Hick in seinem neuen, großartigen Dokumentarfilm "Mein wunderbares West-Berlin" der schwulen Mauerstadt ein persönlich eingefärbtes Denkmal. Vor dem offiziellen Kinostart am 29. Juni läuft der Film bereits den Juni über in der queerfilmnacht. Wir haben gleich drei Autoren aus mehr oder weniger unterschiedlichen Generationen gebeten, sich "Mein wunderbares West-Berlin" anzusehen. Frank Brenner, geboren 1974, hätte den Film gerne schon im Geschichtsunterricht behandelt. Toby Ashraf, Jahrgang 1982, lässt sich von der Offenheit der befragten Protagonist*innen berühren. Und für Hans Hütt, der 1953 zur Welt kam und selbst in West-Berlin gelebt hat, legen sich über Hicks Filmbilder Erinnerungen an alte Gefährten und die eigene Spur.
Die Geschwister

Die Geschwister

Jan Krüger dreht konsequent Filme mit queeren Geschichten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, auch nicht für einen sich als schwul identifizierenden Filmemacher in Deutschland. Seine bisherigen drei Langfilme erzählen allesamt keine Coming-out-Storys (das erledigte er – auf originelle Weise – in seinem Kurzfilme „Freunde“ von 2001). Das Schwulsein der Figuren ist bei ihm nie ein Thema an sich, sondern wird stets mit anderen Erfahrungen verknüpft. Sein neuer Film „Die Geschwister“ handelt von Berlin als Stadt und Begehrensraum und folgt dem Erzählmuster eines Märchens. Die Geschichte von einem, der sich bisher aus allem raushielt, und der durch die Liebe lernt, soziale Verantwortung zu übernehmen... Von Gunther Geltinger.
Toro

Toro

In der Welt von Toro und Victor wird nicht viel geredet, da sprechen die Körper. Sport, Sucht, Sex (solange er keinen Spaß macht) sind ihre Kommunikationsmittel. Die naiv erträumte bromoerotische Zukunft, in der gemeinsam geschwiegen werden kann, liegt außerhalb der Bilder, die in der Gegenwart von harten Gegensätzen geprägt sind. Martin Hawies zweiter Film, uraufgeführt in der Berlinale-Sektion Perspektive, ist ein kontrastreiches Genrestück, in dem es kein Grau und keinen Zwischenton gibt. Von Alexandra Seitz.
Freier Fall

Freier Fall

Tolle Neuigkeiten für alle Fans von „Freier Fall“: Die Pläne um die bereits mehrfach angekündigte Fortsetzung des Kultfilms über die Liebe zwischen zwei jungen Polizisten in der baden-württembergischen Provinz nehmen Fahrt auf! Am Wochenende startete die Produktionsfirma kurhaus production eine Crowdfunding-Kampagne für "Freier Fall 2", in dem Regisseur Stephan Lacant die Geschichte von Marc (Hanno Koffler) und Kay (Max Riemelt) nach dem Coming-out erzählen möchte. Funding-Ziel: satte 3 Millionen Euro. Wenn alles gut geht, kommt der Film Ende 2018 in die Kinos. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, wirft sissy einen Blick zurück auf den ersten Teil, den es jetzt auch via Vimeo on Demand zu sehen gibt. Unser Autor Paul Schulz feierte "Freier Fall" 2013 als den wichtigsten schwulen deutschen Film seit "Sommersturm", weil ihm etwas gelingt, an dem die meisten anderen Filme scheitern: Er zeigt keine Klischees, sondern echte Figuren, die so sind wie du und ich.
Liebmann

Liebmann

Ein Deutscher, der nicht herausrückt mit der Sprache, mietet sich im Norden Frankreichs ein, wo er von Männern und Frauen umschwärmt wird, die sich von seinem schlechten Französisch nicht in die Flucht schlagen lassen. Sie möchten, genau wie wir, seinem Geheimnis auf die Schliche kommen. Jules Herrmans Debütspielfilm „Liebmann“, in der Berlinale-Perspektive 2016 uraufgeführt, verwirrt kunstvoll, bleibt aber im großen Drama ausgesprochen léger. Von Jan Künemund.
Der Ost-Komplex

Der Ost-Komplex

Stasi-Opfer, Schwul, Ostdeutsch, Über 40: Mario Rölligs Geschichte wird, je nach Kontext, mit jeweils anderen Schwerpunkten ins öffentliche Spiel gebracht. Jochen Hicks Annäherung rückt nichts zurecht und bringt keine falsche Ordnung in die Dynamik von Sich-Erzählen und Erzählt-Werden. Er zeigt vielmehr, zu welchen teils komischen, teils tragischen Effekten es führt, wenn Sender und Empfänger eines verfestigten Opferberichts unterschiedliche Agenden haben – und damit auch, wie verbissen die Diskurshoheit über die DDR-Geschichte immer noch verfolgt wird. Von Matthias Dell.
Die Mitte der Welt

Die Mitte der Welt

Als Andreas Steinhöfels Jugendbuch "Die Mitte der Welt" 1998 in Deutschland herauskam, war es bahnbrechend: Endlich gab es da eine queere Hauptfigur, die nicht mehr mit dem eigenen Schwulsein haderte, kein angstbesetztes Coming-out durchleben musste und sich so richtig toll in einen anderen Typen verknallen durfte – natürlich nicht ohne dabei frei von Dämonen zu sein, aber die hatten eben nichts mehr mit der sexuellen Identität zu tun. Der Österreicher Jakob M. Erwa hat "Die Mitte der Welt" nun kongenial verfilmt und für Steinhöfels kunstvoll verschachteltes Familien- und Erweckungsdrama um Phil, seine introvertierte Zwillingsschwester Dianne und ihre herrlich durchgeknalle Mutter Glass wunderbare Darsteller*innen und traumhaft schöne Bilder gefunden. sissy nimmt den Filmstart zum Anlass für eine kleine Bestandsaufnahme von queeren Jugendbuchbestsellern und deren Verfilmungen. Denn unsere Welt hat unendlich viele Mitten. Von Natália Wiedmann.