Lebensbilder

Mapplethorpe: Look at the Pictures

Mapplethorpe: Look at the Pictures

„Ich möchte eine Geschichte sein, die man sich nachts erzählt, in den Betten auf der ganzen Welt“, wünschte sich einst Robert Mapplethorpe (1947-1989), Enfant terrible der New Yorker Künstlerszene der 80er, erotomanischer Bilderästhet und Wegbereiter der Fotografie als Kunstform. Über 25 Jahre nach seinem frühen Aids-Tod gibt es nun einen ersten umfassenden Dokumentarfilm über sein skandalumwittertes Leben und seine bestechend schöne, berüchtigt kontroverse Fotokunst. Der Porträtfilm, den man sich jetzt auch auf DVD anschauen kann, zum Beispiel nachts im Bett, ist zwar inhaltlich vielschichtig, aber formal erstaunlich brav geraten. sissy begibt sich auf eine Passage – vorbei an schwulem SM-Sex und floralen Stillleben, Liebhaber-Akten und High-Society-Porträts. Von Matthias Frings.
I Am Not Your Negro

I Am Not Your Negro

Als der große schwule US-Schriftsteller James Baldwin im Dezember 1987 starb, hinterließ er ein 30-seitiges Manuskript mit dem Titel „Remember This House“. Das Buch sollte eine persönliche Auseinander­setzung mit den Biografien dreier enger Freunde werden, die alle bei Attentaten ermordet wurden: der Bürgerrechtler Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers. In seinem neuen Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ schreibt Raoul Peck („Der junge Karl Marx“) Baldwins furioses Fragment nun im Geiste des Autors filmisch fort und verdichtet es zu einer beißenden Analyse der Repräsentation von Afroamerikanern in der US-Kulturgeschichte. Für seinen mitreißenden Essay wurde Peck für den Oscar nominiert, mit dem Panorama-Publikums-Preis der Berlinale ausgezeichnet und weltweit mit Kritikerlob überschüttet. sissy hat sich die Frage nach der queeren Perspektive des Films gestellt – und empfiehlt, genau hinzusehen und hinzuhören. Von Sascha Westphal.
Der Ost-Komplex

Der Ost-Komplex

Stasi-Opfer, Schwul, Ostdeutsch, Über 40: Mario Rölligs Geschichte wird, je nach Kontext, mit jeweils anderen Schwerpunkten ins öffentliche Spiel gebracht. Jochen Hicks Annäherung rückt nichts zurecht und bringt keine falsche Ordnung in die Dynamik von Sich-Erzählen und Erzählt-Werden. Er zeigt vielmehr, zu welchen teils komischen, teils tragischen Effekten es führt, wenn Sender und Empfänger eines verfestigten Opferberichts unterschiedliche Agenden haben – und damit auch, wie verbissen die Diskurshoheit über die DDR-Geschichte immer noch verfolgt wird. Von Matthias Dell.
Liebe geht seltsame Wege

Liebe geht seltsame Wege

In "Liebe geht seltsame Wege" greift Ira Sachs das Hollywood-Format der „Wiedervermählungskomödie“ auf – nur, dass es hier um ein betagtes schwules Paar geht, das ausgerechnet durch die Möglichkeit, endlich zu heiraten, auseinandergebracht wird und zusehen muss, wie es wieder zusammenfindet. Durch Jobverlust und unbezahlbare Mieten in Manhattan separiert, erfahren die von John Lithgow und Alfred Molina gespielten Helden die Hilfe eines mehrgenerationalen Freundes- und Familien-Netzwerks. Ein wunderbar leiser und charmanter Film über New York und das, was Menschen einander weitergeben können. Von Matthias Frings.
Die Florence Foster Jenkins Story

Die Florence Foster Jenkins Story

Florence Foster Jenkins gilt als die schlechteste Sängerin aller Zeiten. Dennoch machte die selbsternannte Operndiva im New York der 1920er Jahre unaufhaltsam Karriere: In ausgefallenen Kostümen und mit hemmungsloser Hingabe trat sie vor einem stetig wachsenden Publikum auf, veröffentlichte Schallplatten und brach 1944 mit ihrem legendären Auftritt in der Carnegie Hall alle Verkaufsrekorde. Regisseur Ralf Pleger spürt in "Die Florence Foster Jenkins Story" (Kinostart: 10. November) der unfassbaren Karriere einer Frau nach, die durch ihre phänomenale Talentlosigkeit und exzentrische Selbstüberschätzung zur Kultfigur und frühen Camp-Vertreterin wurde. In seiner flamboyanten Mischung aus Drama und Dokumentarfilm wird die Jenkins nicht von Meryl Streep dargestellt (die tritt erst Ende November in Stephen Frears' Biopic "Florence Foster Jenkins" auf), sondern von einer, die wirklich so singen kann, wie die Jenkins selbst immer zu klingen glaubte: US-Opernstar Joyce DiDonato. Ein Plädoyer für die Freiheit des schiefen Ausdrucks. Von Klaus Kalchschmid.
Die Unsichtbaren / Bambi

Die Unsichtbaren / Bambi

Mit einem Brief bedankt sich der SISSY-Autor bei Sébastien Lifshitz für dessen Dokumentarfilme „Die Unsichtbaren“ und „Bambi“. Beide entstanden in einer Recherche über nicht-heterosexuelle Biografien in Frankreich. Lifshitz ist mit diesen Filmen etwas Besonderes gelungen: Er erzählt die französische Nachkriegsgeschichte aus peripherer, aber gleichwohl vielfältig schillernder Perspektive und führt mit viel Liebe und Neugier seine Heldinnen und Helden des Alltags zu zutiefst persönlichen Aussagen. Neben überragenden Kritiken erhielt „Die Unsichtbaren“ u.a. den nationalen Filmpreis César und den Goldenen Stern des französischen Journalistenverbandes, außerdem den Gierson Award des Britischen Filminstituts; „Bambi“ erhielt den Teddy für den besten Dokumentarfilm. Von Biru David Binder.
Herr von Bohlen

Herr von Bohlen

André Schäfer erzählt in „Herr von Bohlen“ die Legende vom letzten Krupp, dem schwulen Paradiesvogel in einer grauen Dynastie und liebsten Hassobjekt der deutschen Nachkriegskrawallpresse: Arndt von Bohlen und Halbach. Mit sachten Tricks und großartigem doppelten Boden, als Spiel- und Dokumentarfilm gleichermaßen, und mit einem Hauptdarsteller, der aus den von-Bohlen-Originalzitaten einen ganz eigenen Text macht: „Der letzte Krupp tanzte aus der Reihe – aber wenigstens tanzte mal einer.“ Von Paul Schulz.
Der Staat gegen Fritz Bauer

Der Staat gegen Fritz Bauer

Nicht versöhnt: Lars Kraumes Politthriller „Der Staat gegen Fritz Bauer“ bedient sich Elementen des Melodrams, um das Bild eines deutschen Helden der Nachkriegsgeschichte, der u.a. den Ausschwitz-Prozess ermöglichte, um das eines Opfers zu erweitern, das durch den in der BRD beibehaltenen Paragraphen 175 erpressbar wird. Von Sascha Westphal. „Monströse Verbrechen haben die Eigenschaft, sagte Fritz Bauer, daß sie, sobald sie in die Welt treten, für ihre Wiederholung sorgen.“
A Bigger Splash

A Bigger Splash

In Jack Hazans Film „A Bigger Splash“ stellt David Hockney einen Künstler namens David Hockney dar, der versucht, ein Portrait jenes Liebhabers anzufertigen, von dem er eben verlassen worden ist. Weder schlicht Dokument noch bloß Fantasie, ist der Film eine dem Leben abgetrotzte Fiktion, deren Intimität auf den sich selbst Darstellenden Hockney eine solch schockierende Wirkung hatte, dass dieser erst von seinem Umfeld dazu bewogen werden musste, einer Veröffentlichung zuzustimmen. Was heute davon bleibt, ist das Porträt eines Künstlers, einer Zeit und einer Szene, eine melancholische Liebesgeschichte, ein Werk von wunderbarer Hybridität. Von Sebastian Markt.
Hockney

Hockney

David Hockney ist einer der erfolgreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Randall Wright hat eine Filmbiografie über ihn angefertigt, die Hockneys Leben im wahrsten Sinne des Wortes festzuhalten versucht. Für den Maler waren Hollywoodfilme in seiner Jugend Erweiterungen eines zu klein empfundenen Raums – ob er sich „Hockney“ im Kino angesehen hätte? Von Jan Künemund.