Lebensbilder

Der Ost-Komplex

Der Ost-Komplex

Stasi-Opfer, Schwul, Ostdeutsch, Über 40: Mario Rölligs Geschichte wird, je nach Kontext, mit jeweils anderen Schwerpunkten ins öffentliche Spiel gebracht. Jochen Hicks Annäherung rückt nichts zurecht und bringt keine falsche Ordnung in die Dynamik von Sich-Erzählen und Erzählt-Werden. Er zeigt vielmehr, zu welchen teils komischen, teils tragischen Effekten es führt, wenn Sender und Empfänger eines verfestigten Opferberichts unterschiedliche Agenden haben – und damit auch, wie verbissen die Diskurshoheit über die DDR-Geschichte immer noch verfolgt wird. Von Matthias Dell.
Liebe geht seltsame Wege

Liebe geht seltsame Wege

In "Liebe geht seltsame Wege" greift Ira Sachs das Hollywood-Format der „Wiedervermählungskomödie“ auf – nur, dass es hier um ein betagtes schwules Paar geht, das ausgerechnet durch die Möglichkeit, endlich zu heiraten, auseinandergebracht wird und zusehen muss, wie es wieder zusammenfindet. Durch Jobverlust und unbezahlbare Mieten in Manhattan separiert, erfahren die von John Lithgow und Alfred Molina gespielten Helden die Hilfe eines mehrgenerationalen Freundes- und Familien-Netzwerks. Ein wunderbar leiser und charmanter Film über New York und das, was Menschen einander weitergeben können. Von Matthias Frings.
Die Florence Foster Jenkins Story

Die Florence Foster Jenkins Story

Florence Foster Jenkins gilt als die schlechteste Sängerin aller Zeiten. Dennoch machte die selbsternannte Operndiva im New York der 1920er Jahre unaufhaltsam Karriere: In ausgefallenen Kostümen und mit hemmungsloser Hingabe trat sie vor einem stetig wachsenden Publikum auf, veröffentlichte Schallplatten und brach 1944 mit ihrem legendären Auftritt in der Carnegie Hall alle Verkaufsrekorde. Regisseur Ralf Pleger spürt in "Die Florence Foster Jenkins Story" (Kinostart: 10. November) der unfassbaren Karriere einer Frau nach, die durch ihre phänomenale Talentlosigkeit und exzentrische Selbstüberschätzung zur Kultfigur und frühen Camp-Vertreterin wurde. In seiner flamboyanten Mischung aus Drama und Dokumentarfilm wird die Jenkins nicht von Meryl Streep dargestellt (die tritt erst Ende November in Stephen Frears' Biopic "Florence Foster Jenkins" auf), sondern von einer, die wirklich so singen kann, wie die Jenkins selbst immer zu klingen glaubte: US-Opernstar Joyce DiDonato. Ein Plädoyer für die Freiheit des schiefen Ausdrucks. Von Klaus Kalchschmid.
Die Unsichtbaren / Bambi

Die Unsichtbaren / Bambi

Mit einem Brief bedankt sich der SISSY-Autor bei Sébastien Lifshitz für dessen Dokumentarfilme „Die Unsichtbaren“ und „Bambi“. Beide entstanden in einer Recherche über nicht-heterosexuelle Biografien in Frankreich. Lifshitz ist mit diesen Filmen etwas Besonderes gelungen: Er erzählt die französische Nachkriegsgeschichte aus peripherer, aber gleichwohl vielfältig schillernder Perspektive und führt mit viel Liebe und Neugier seine Heldinnen und Helden des Alltags zu zutiefst persönlichen Aussagen. Neben überragenden Kritiken erhielt „Die Unsichtbaren“ u.a. den nationalen Filmpreis César und den Goldenen Stern des französischen Journalistenverbandes, außerdem den Gierson Award des Britischen Filminstituts; „Bambi“ erhielt den Teddy für den besten Dokumentarfilm. Von Biru David Binder.
Herr von Bohlen

Herr von Bohlen

André Schäfer erzählt in „Herr von Bohlen“ die Legende vom letzten Krupp, dem schwulen Paradiesvogel in einer grauen Dynastie und liebsten Hassobjekt der deutschen Nachkriegskrawallpresse: Arndt von Bohlen und Halbach. Mit sachten Tricks und großartigem doppelten Boden, als Spiel- und Dokumentarfilm gleichermaßen, und mit einem Hauptdarsteller, der aus den von-Bohlen-Originalzitaten einen ganz eigenen Text macht: „Der letzte Krupp tanzte aus der Reihe – aber wenigstens tanzte mal einer.“ Von Paul Schulz.
Der Staat gegen Fritz Bauer

Der Staat gegen Fritz Bauer

Nicht versöhnt: Lars Kraumes Politthriller „Der Staat gegen Fritz Bauer“ bedient sich Elementen des Melodrams, um das Bild eines deutschen Helden der Nachkriegsgeschichte, der u.a. den Ausschwitz-Prozess ermöglichte, um das eines Opfers zu erweitern, das durch den in der BRD beibehaltenen Paragraphen 175 erpressbar wird. Von Sascha Westphal. „Monströse Verbrechen haben die Eigenschaft, sagte Fritz Bauer, daß sie, sobald sie in die Welt treten, für ihre Wiederholung sorgen.“
A Bigger Splash

A Bigger Splash

In Jack Hazans Film „A Bigger Splash“ stellt David Hockney einen Künstler namens David Hockney dar, der versucht, ein Portrait jenes Liebhabers anzufertigen, von dem er eben verlassen worden ist. Weder schlicht Dokument noch bloß Fantasie, ist der Film eine dem Leben abgetrotzte Fiktion, deren Intimität auf den sich selbst Darstellenden Hockney eine solch schockierende Wirkung hatte, dass dieser erst von seinem Umfeld dazu bewogen werden musste, einer Veröffentlichung zuzustimmen. Was heute davon bleibt, ist das Porträt eines Künstlers, einer Zeit und einer Szene, eine melancholische Liebesgeschichte, ein Werk von wunderbarer Hybridität. Von Sebastian Markt.
Hockney

Hockney

David Hockney ist einer der erfolgreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Randall Wright hat eine Filmbiografie über ihn angefertigt, die Hockneys Leben im wahrsten Sinne des Wortes festzuhalten versucht. Für den Maler waren Hollywoodfilme in seiner Jugend Erweiterungen eines zu klein empfundenen Raums – ob er sich „Hockney“ im Kino angesehen hätte? Von Jan Künemund.
Eisenstein in Guanajuato

Eisenstein in Guanajuato

Film ist ein Medium, das viel zu reich ist, um es den Geschichtenerzählern zu überlassen, sagt Peter Greenaway. Kein Wunder, dass Sergej Eisenstein als Verbündeter in der kontrollierten Bilderrauschproduktion sein großes Vorbild ist. Greenaways Spielfilm über Eisenstein ist deshalb auch ein Versuch über visuelle Intelligenz, über das wilde Assoziieren und die Lächerlichkeit von selbstauferlegten Grenzen – an die „Eisenstein in Guanajuato“ nicht zuletzt mit dem Novum rüttelt, den Meisterregisseur als praktizierenden Homosexuellen zu zeigen, der sich beim Filmdreh in Mexiko nicht nur der kulturell codierten Sinnlichkeit, sondern auch seinem attraktiven und hilfreichen mexikanischen Führer lustvoll hingibt. Eine Ohrfeige für Putin, freute sich die westliche Filmpresse. Doch ist Greenaways Annäherung an sein Vorbild viel zu intim und viel zu komplizenhaft, um es zur bloßen Skandalnudel zu machen. Von Fritz Göttler.
Saint Laurent

Saint Laurent

„Ich hasse Biopics“, ließ sich Regisseur Bertrand Bonello zitieren, als die Pläne eines weiteren, nämlich seines, Films über Yves Saint Laurent bekannt wurden, nachdem die vom Saint-Laurent-Nachlassverwalter und -Lebensgefährten abgesegnete (und rechtschaffend öde) Version „Yves Saint Laurent“ bereits in den letzten Produktionszügen war. Seine Annäherung an die somit schon heiliggesprochene queere Figur der internationalen Modegeschichte versucht dann auch etwas ganz anderes, etwas Unmögliches vielleicht: ein queeres Pic über das Monster, das aus einer Biografie erwachsen kann, ohne diese Biografie zu schließen und die überlieferten Fakten kausal anzuordnen. In Deutschland lief „Yves Saint Laurent“ erfolgreich in den Kinos. „Saint Laurent“, immerhin im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt, erschien lediglich auf DVD. Von Sebastian Markt.