Frauenbande

Sieben Filme des Jahres

Sieben Filme des Jahres

2017 war ein großartiges Jahr für das nicht-heterosexuelle Kino! Nachdem im Februar mit Barry Jenkins' Meisterwerk "Moonlight" erstmals – und trotz einiger Bühnenunruhen – ein offen schwuler Film mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet worden war, liefen fast im Monatsrhythmus mitreißende queere Filme in den deutschen Kinos an: von Sebastián Lelios mit dem Teddy ausgezeichnetem Porträtfilm "Eine fantastische Frau" über die transsexuelle Marina und Francis Lees rauhem Liebesfilm "God's Own Country" bis zu Robin Campillos in Cannes gefeiertem Aids-Aktivismus-Drama "120 BPM". Wir haben für Euch unsere sieben Lieblingsfilme zusammengetragen und stellen Sie in Schlüsselmomenten und den Worten unserer Autor_innen noch einmal vor. Die Reise durch das queere Filmjahr führt uns in ein Dinner in Miami und in die Hochmoore Schottlands, auf eine Polizeistation in Santiago de Chile und die Untiefen der Wälder Nordportugals, in die Wildnis Montanas, ins gentrifizierte Brooklyn und in ein Schlafzimmer in Paris.
Axolotl Overkill

Axolotl Overkill

Als im Juni Helene Hegemanns Verfilmung ihres eigenen, heftig umstrittenen Not-Coming-of-Age-Romans "Axolotl Overkill" (2010) um die Irrfahrten der 16-jährigen Mifti in die Kinos kam, wurde er von der Filmkritik mit einem "morbiden, großbürgerlichen Heroinflug" verglichen und als herrlich sinnfreies Porträt eines wohlstandsverwahrlosten Teenagers gefeiert. Dass Hegemanns Film zugleich einer der wenigen deutschen Filme in diesem Jahr war, in dessen Zentrum eine lesbische Liebesgeschichte steht, fand derweil bestensfalls am Rande Erwähnung. Anlässlich des DVD- und Blu-ray-Starts hat sich Beatrice Behn "Axolotl Overkill" noch einmal angesehen – und schält aus der zunächst progressiv klingenden Figurenanordnung die reaktionäre Kehrseite heraus.
Ein Date für Mad Mary

Ein Date für Mad Mary

Irland sei vor allem eins, sagt das Klischee: rau und unverblümt. Da wird nicht verschönt und verbrämt, da gibt’s Pubs und Prügeleien und harte Schalen mit weichen Herzen. Könnte stimmen, wenn man dem irischen Coming-of-Age-Film "Ein Date für Mad Mary" glaubt, der diesen Monat in der queerfilmnacht läuft und ab 14. Dezember auch regulär im Kino zu sehen sein wird. Verkratzte Charaktere, superbe Schauspielerinnen, ein guter Soundtrack und – ganz nebenbei – eine lesbische Liebe machen das Spielfilmdebüt des Regisseurs Darren Thornton zu einer großen Entdeckung. Von Tania Witte.
Professor Marston and the Wonder Women

Professor Marston and the Wonder Women

Patty Jenkins' "Wonder Woman" war einer der großen Überraschungserfolge des Kinojahres. Ihr Film über die weltweit wohl bekannteste Superheldin stach beinah jede andere Comic-Adaption mit männlichem Personal aus und machte die israelische Hauptdarstellerin Gal Gadot zu Hollywoods neuem Shooting Star. Regisseurin Angela Robinson ("Spy Girls – D.E.B.S.", "The L-Word") erzählt in dem Biopic "Professor Marston and the Wonder Women" nun die hochspannende Lebensgeschichte des Psychologie-Professors und Wonder-Woman-Erfinders William Marston a.k.a. Charles Moulton, der mit seiner Frau und einer gemeinsamen Geliebten in einer Dreierbeziehung lebte – was in den USA der 40er Jahre als reichlich unerhört galt. Unser Autor Patrick Heidmann ist vor allem von Robinsons unvoreingenommem Blick auf Polyamorie begeistert.
Die Misandristinnen: Über Susanne Sachsse, Viva Ruiz und Kembra Pfahler

Die Misandristinnen: Über Susanne Sachsse, Viva Ruiz und Kembra Pfahler

Der kanadische Filmemacher Bruce LaBruce und die US-amerikanische Künstlerin Vaginal Davis kennen sich seit über 30 Jahren. Die beiden Queercore-Ikonen, die heute teilweise (LaBruce) bzw. ganz (Davis) in Berlin leben, haben in zahlreichen Projekten künstlerisch zusammengearbeitet: in Filmen wie "Super 8 1/2" (1995) und "Hustler White" (1996), Theaterstücken wie "CHEAP Blacky" (2007) und "The Bad Breast" (2009) oder als DJs in legendären Clubnächten im Berliner Schwuz. Davis, deren unnachahmliche Performance-Kunst von dem Kulturwissenschaftler José Esteban Muñoz einst überaus treffend als "Terrorist Drag" bezeichnet wurde, hat bei LaBruces neuem Film, der queer-feministischen Terrorismus-Satire "Die Misandristinnen", zwar nicht selbst mitgewirkt. Aber ihre Freundschaften mit den drei großen Underground-Stars des Films, Susanne Sachsse, Viva Ruiz und Kembra Pfahler, gehen wie ihre Beziehung zum Regisseur "way back". Ihr Triple-Porträt über LaBruces Queer Legacy Actresses ist nicht nur mit schärfstem Gossip gewürzt, sondern ist auch eine kühle Spitze gegen das noch immer zutiefst misogyne System Hollywoods.
Casting

Casting

Ab morgen im Kino: Im neuen Film von Nicolas Wackerbarth („Halbschatten“) soll eine junge Regisseurin Fassbinders wegweisendes Liebesmelodram „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972) neu verfilmen – als bieder gebürstetes Fernsehspiel mit einem hetero- anstatt eines homosexuellen Liebespaares. So kann das natürlich nicht funktionieren, der Stoff sträubt sich, bereits das Casting gerät zum Fiasko. Wackerbarth geht in seinem sinnlichen Film über das Filmemachen volles Risiko und zeigt, was dem deutschen Kino heute an freiem Denken, Dringlichkeit und durchdringender Emotionalität fehlt. Von Dennis Vetter.
Die Misandristinnen

Die Misandristinnen

Im neuen Film des kanadischen Kultregisseurs Bruce LaBruce („The Raspberry Reich“, „Otto; or, Up with Dead People“, „Gerontophilia“) geht es um eine queer-feministischen Terrorstinnen-Zelle, die „irgendwo in Ger(wo)many“ hinter der Fassade eines katholischen Mädcheninternats den Umsturz des Patriarchats vorbereitet, ehe ein verletzter Soldat ins Haus gelangt und die Ordnung der Frauen empfindlich stört. Nicht ohne Grund mögen bei der Geschichte manche an den jüngsten Film von Sofia Coppola, „Die Verführten“ (2017), denken. Beide Filme sind Remakes von Don Siegels Bürgerkriegsmelodram „The Beguiled“ (1971). Das ungleich geringere Budget seines Films kompensiert LaBruce mit der Besetzung von queeren Underground-Stars (wie Susanne Sachsse und Kembra Pfahler) und radikalen Regieeinfällen, die die Grenzen des guten Geschmacks bis aufs Äußerste ausreizen. Lukas Foerster wagt eine filmhistorische und queerpolitische Einordung.
Concussion

Concussion

Durch eine heile, aber nicht wirklich eingespielte Vorstadt-Regenbogen-Familie geht ein kleiner Riss. Ausgelöst durch eine Gehirnerschütterung („concussion“), begreift eine der beiden Mütter in Stacey Passons abgründigem Debüt, dass ihre Welt zu klein geworden ist, dass eine größere aber vielleicht auch nicht so anders aussehen würde. Der von der New-Queer-Cinema-Veteranin Rose Troche produzierte Film wurde auf der Berlinale 2013 mit einem Special-Teddy ausgezeichnet und steht für ein noch immer hochaktuelles Thema im nicht-heterosexuellen Kino: dass Glücklichwerden auch nach der Emanzipation und rechtlichen Gleichstellung kein Automatismus ist. The Moms are not all right. Von André Wendler.
Die Farbe des Winters

Die Farbe des Winters

Neu auf DVD: Die 21-jährige Filmstudentin Lucia leidet unter Panikattacken und Albträumen. Als sie für die Winterferien in ihre Heimatstadt Salta zurückkommt, geht es ihr zunächst schlechter. Auch hier weiß niemand, was die Ängste auslöst. Da lernt Lucia in einem Club die bildhübsche Olivia kennen. Zusammen mit ihr hat Lucia plötzlich keine Angst mehr... In ihrem autobiografisch eingefärbten Debütfilm erzählt die junge argentinische Regisseurin und Hauptdarstellerin Cecilia Valenzuela Gioia davon, mit welch überwältigender Furcht die Suche nach der eigenen Identität oft verbunden ist – und wie die erste große Liebe einem den Mut geben kann, zu sich selbst zu stehen. Ein berührend zurückhaltender Film über einen entscheidenden Farbwechsel. Von Natália Wiedmann.
Heartland

Heartland

Das Regiedebüt der Filmemacherin Maura Anderson basiert auf den persönlichen Erlebnissen von Drehbuchautorin Velinda Godfrey, die in „Heartland“ selbst die Hauptrolle spielt: Lauren ist eine 26-jährige Künstlerin, die nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin mit nichts als ihrer Handtasche und einem Rollkoffer zu ihrer Mutter ins Elternhaus zurückkehrt, ins Herz des ländlichen Amerikas. Ein berührend zurückhaltender Film über die Suche nach Geborgenheit, über alte und neue Familienkonflikte, eine unverhoffte Romanze und das Entdecken neuer Lebensperspektiven. Von Natália Wiedmann.