Frauenbande

Djam

Djam

Der französische Regisseur Tony Gatlif, der mit seinem Migrant_innen-Drama „Exils“ 2004 den Regiepreis in Cannes gewann, schickt in seinem neuen Film „Djam“ zwei junge Frauen unterschiedlicher kultureller Prägungen auf einen romantischen Roadtrip durch Griechenland und die Türkei. Handlungsführend ist in dem skizzenhaften Film der Rembetiko – eine Blues-Art und Mischung aus griechischer Volksmusik und osmanischen Musiktraditionen, die Gatlif als „Musik der Ungeliebten“ versteht, „deren Texte Worte sind, die heilen können“. Ein Film über Liebe, Leid und Drogen – und ein Aufruf, stolz zu seinen kulturellen Wurzeln und dem eigenen sexuellen Begehren zu stehen. Von Barbara Schweizerhof.
Monika Treut: Female Misbehavior!

Monika Treut: Female Misbehavior!

Seit über 30 Jahren prägt die lesbische Regisseurin, Autorin und Produzentin Monika Treut mit ihren lustvoll-subversiven Spiel- und Dokumentarfilmen das queere Kino in Deutschland und der ganzen Welt. Die neue DVD-Box "Monika Treut: Female Misbehavior!" versammelt nun vier Schlüsselfilme aus dem Schaffen der unerschrockene Avantgardistin: ihren kühnen und von der damaligen Presse leidenschaftlich angefeindeten Debütfilm, das sadomasochistische Liebesdrama "Verführung: Die grausame Frau" (1985); das abenteuerliche Sex-Melodram "Die Jungfrauenmaschine" (1988); die in New York gedrehte Familienkomödie "My Father Is Coming" (1991); und den in San Francisco entstandenen und vielfach preisgekrönten trans*-futuristischen Dokumentarfilm "Gendernauts" (1999). Alle Filme wurden digital restauriert und werden von einem prallen Bonusprogramm ergänzt, das u.a. den Dokumentarfilm "Didn't Do It For Love" (1997) und die vierteilige Kurzfilmsammlung „Female Misbehavior“ (1992) beinhaltet. Erstmals ist damit Treuts bahnbrechendes Frühwerk vollständig in einer DVD-Edition vereint. Jan Künemund sprach mit Monika Treut, die vergangenes Jahr für ihr Lebenswerk mit dem Special Teddy der Berlinale ausgezeichnet wurde, über drei Jahrzehnte weibliche Kino-Lust, Gender-Science-Fiction und queere Pionierarbeit.
Thelma

Thelma

Die schüchterne Thelma verlässt ihr konservatives Elternhaus in den norwegischen Wäldern, um in Oslo zu studieren. Als sie auf dem Campus Anja kennenlernt, entwickelt sich zwischen den beiden jungen Frauen eine starke Anziehungskraft. Doch plötzlich bekommt Thelma epilepsieartige Anfälle. Und es beschleicht sie das Gefühl, dass sie übernatürliche Fähigkeiten haben könnte... In seinem neuen Film erzählt Joachim Trier ("Oslo, 31. August", "Louder Than Bombs") das sexuelle Erwachen einer jungen Frau als doppelbödigen Mystery-Thriller und findet für ihre Unterdrückung und das immer stärker werdende Begehren sinnlich-unheimliche Bilder. Für sissy haben sich gleich zwei Autorinnen von "Thelma" betören lassen: Esther Buss liest den Film als feministische Wirkungsgeschichte, Beatrice Behn als lesbisches Quasi-Remake des Horrorfilmklassikers "Carrie" (1976). Ein gar nicht so geisterhafter Film über die Befreiung aus der Hetero-Hölle.
I, Tonya

I, Tonya

Im Jahr 1994 kannte den Namen Tonya Harding ganz Amerika. Nicht unbedingt, weil sie als erste US-Einskunstläuferin den verflixt schweren dreifachen Axel in einem Wettbewerb gesprungen hatte. Sondern weil sie in den Medien als Mitverantwortliche an einem Anschlag auf ihre damals schärfste Konkurrentin Nancy Kerrigan galt, bei dem diese von einem Handlanger von Tonyas damaligen Ehemann mit einer Eisenstange attakiert und verletzt wurde. Über die lange Zeit als "Eis-Hexe" verrufene Harding hat Craig Gillespie nun ein Biopic gedreht und mit Margot Robbie als Tonya und TV-Star Allison Janney ("Mom", seit 2103) als deren Mutter LaVona raffiniert besetzt. Unser Autor Paul Schulz findet: „I, Tonya“ ist nicht das Camp-Meisterwerk, auf das einige vielleicht gehofft haben, sondern etwas viel Besseres – eine feministische Selbstbehauptung mit dem Baseballschläger.
Verrückt nach Cécile

Verrückt nach Cécile

Als ihre Freundin Schluss macht, ist Océanerosemarie nur einen Moment lang am Boden zerstört. Schließlich hat die quirlige und party-erprobte Osteopathin eine durchgeknallte Familie und ungefähr 76 Ex-Freundinnen, die sie auf Trab halten. Doch dann lernt sie beim Joggen die bildhübsche Cécile kennen – und verliebt sich Hals über Kopf. Um Céciles Herz zu gewinnen, muss sich Océanerosemarie einiges einfallen lassen – und sich fragen, was sie im Leben und vom einer Beziehung wirklich möchte... „Verrückt nach Cécile“ bedient sich genüsslich den Genre-Konventionen der zu Recht als heteronormativ verufenen Romantic Comedy, um diese im nächste Moment auf absurd-komische und reichlich queere Weise zu unterwandern. Endlich! Eine entzückende lesbische Liebeskomödie! Im März ist der Liebesreigen aus Frankreich in der queerfilmnacht zu sehen. Von Barbara Schweizerhof.
Sieben Filme des Jahres

Sieben Filme des Jahres

2017 war ein großartiges Jahr für das nicht-heterosexuelle Kino! Nachdem im Februar mit Barry Jenkins' Meisterwerk "Moonlight" erstmals – und trotz einiger Bühnenunruhen – ein offen schwuler Film mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet worden war, liefen fast im Monatsrhythmus mitreißende queere Filme in den deutschen Kinos an: von Sebastián Lelios mit dem Teddy ausgezeichnetem Porträtfilm "Eine fantastische Frau" über die transsexuelle Marina und Francis Lees rauhem Liebesfilm "God's Own Country" bis zu Robin Campillos in Cannes gefeiertem Aids-Aktivismus-Drama "120 BPM". Wir haben für Euch unsere sieben Lieblingsfilme zusammengetragen und stellen Sie in Schlüsselmomenten und den Worten unserer Autor_innen noch einmal vor. Die Reise durch das queere Filmjahr führt uns in ein Dinner in Miami und in die Hochmoore Schottlands, auf eine Polizeistation in Santiago de Chile und die Untiefen der Wälder Nordportugals, in die Wildnis Montanas, ins gentrifizierte Brooklyn und in ein Schlafzimmer in Paris.
Axolotl Overkill

Axolotl Overkill

Als im Juni Helene Hegemanns Verfilmung ihres eigenen, heftig umstrittenen Not-Coming-of-Age-Romans "Axolotl Overkill" (2010) um die Irrfahrten der 16-jährigen Mifti in die Kinos kam, wurde er von der Filmkritik mit einem "morbiden, großbürgerlichen Heroinflug" verglichen und als herrlich sinnfreies Porträt eines wohlstandsverwahrlosten Teenagers gefeiert. Dass Hegemanns Film zugleich einer der wenigen deutschen Filme in diesem Jahr war, in dessen Zentrum eine lesbische Liebesgeschichte steht, fand derweil bestensfalls am Rande Erwähnung. Anlässlich des DVD- und Blu-ray-Starts hat sich Beatrice Behn "Axolotl Overkill" noch einmal angesehen – und schält aus der zunächst progressiv klingenden Figurenanordnung die reaktionäre Kehrseite heraus.
Ein Date für Mad Mary

Ein Date für Mad Mary

Irland sei vor allem eins, sagt das Klischee: rau und unverblümt. Da wird nicht verschönt und verbrämt, da gibt’s Pubs und Prügeleien und harte Schalen mit weichen Herzen. Könnte stimmen, wenn man dem irischen Coming-of-Age-Film "Ein Date für Mad Mary" glaubt, der diesen Monat in der queerfilmnacht läuft und ab 14. Dezember auch regulär im Kino zu sehen sein wird. Verkratzte Charaktere, superbe Schauspielerinnen, ein guter Soundtrack und – ganz nebenbei – eine lesbische Liebe machen das Spielfilmdebüt des Regisseurs Darren Thornton zu einer großen Entdeckung. Von Tania Witte.
Professor Marston and the Wonder Women

Professor Marston and the Wonder Women

Patty Jenkins' "Wonder Woman" war einer der großen Überraschungserfolge des Kinojahres. Ihr Film über die weltweit wohl bekannteste Superheldin stach beinah jede andere Comic-Adaption mit männlichem Personal aus und machte die israelische Hauptdarstellerin Gal Gadot zu Hollywoods neuem Shooting Star. Regisseurin Angela Robinson ("Spy Girls – D.E.B.S.", "The L-Word") erzählt in dem Biopic "Professor Marston and the Wonder Women" nun die hochspannende Lebensgeschichte des Psychologie-Professors und Wonder-Woman-Erfinders William Marston a.k.a. Charles Moulton, der mit seiner Frau und einer gemeinsamen Geliebten in einer Dreierbeziehung lebte – was in den USA der 40er Jahre als reichlich unerhört galt. Unser Autor Patrick Heidmann ist vor allem von Robinsons unvoreingenommem Blick auf Polyamorie begeistert.
Die Misandristinnen: Über Susanne Sachsse, Viva Ruiz und Kembra Pfahler

Die Misandristinnen: Über Susanne Sachsse, Viva Ruiz und Kembra Pfahler

Der kanadische Filmemacher Bruce LaBruce und die US-amerikanische Künstlerin Vaginal Davis kennen sich seit über 30 Jahren. Die beiden Queercore-Ikonen, die heute teilweise (LaBruce) bzw. ganz (Davis) in Berlin leben, haben in zahlreichen Projekten künstlerisch zusammengearbeitet: in Filmen wie "Super 8 1/2" (1995) und "Hustler White" (1996), Theaterstücken wie "CHEAP Blacky" (2007) und "The Bad Breast" (2009) oder als DJs in legendären Clubnächten im Berliner Schwuz. Davis, deren unnachahmliche Performance-Kunst von dem Kulturwissenschaftler José Esteban Muñoz einst überaus treffend als "Terrorist Drag" bezeichnet wurde, hat bei LaBruces neuem Film, der queer-feministischen Terrorismus-Satire "Die Misandristinnen", zwar nicht selbst mitgewirkt. Aber ihre Freundschaften mit den drei großen Underground-Stars des Films, Susanne Sachsse, Viva Ruiz und Kembra Pfahler, gehen wie ihre Beziehung zum Regisseur "way back". Ihr Triple-Porträt über LaBruces Queer Legacy Actresses ist nicht nur mit schärfstem Gossip gewürzt, sondern ist auch eine kühle Spitze gegen das noch immer zutiefst misogyne System Hollywoods.