Boys Club

Die Wunde

Die Wunde

Queere Filme aus Afrika, wo Homosexualität noch immer in vielen Ländern tabuisiert, in einigen sogar unerbittlich verfolgt wird, sind selten. Selbst in Südafrika, das als eher progressiv gilt, wird außerhalb der großen Städte darüber nur selten offen gesprochen. John Trengove erzählt in seinem Debütfilm nicht nur von einer unterdrückten schwulen Liebe zwischen zwei erwachsenen Xhosa-Männern. Er bricht auch noch mit einem zweiten Tabu seines Heimatlandes, indem er die Geschichte von Xolani und Vija in das uralte Ukwaluka-Beschneidungsritual einbettet. Das Ritual, das die beiden als Mentoren betreuen, soll den rebellischen Stadtjungen Kwanda zum „richtigen“ Mann machen, tatsächlich bringt der aber Xolanis Selbstbild radikal ins Wanken. Auf die universelle Frage, wie man schwules Begehren in einer von maskulinen Rollenbildern dominierten Kultur leben kann, findet Trengove als Antwort packende und magisch berührende Bilder. Nachdem „Die Wunde“ bereits in Sundance und im Panorama der diesjährigen Berlinale gefeiert wurde, läuft er bei uns im August in der queerfilmnacht, bevor er am 14. September auch regulär im Kino startet. Von Esther Buss.
Der Ornithologe

Der Ornithologe

Der neue, großartige Film von João Pedro Rodrigues („O Fantasma, 2000; „To Die Like a Man“, 2009) handelt von einem Ornithologen, der sich nach einem Bootsunglück alleine durch die Wälder Nordportugals kämpfen muss, vorbei an mysteriösen Hindernissen und erotischen Begegnungen. Rodrigues' sehr persönliche, höchst queere Interpretation der Legende des Heiligen Antonius ist wie ein Traum von Tod, Auferstehung und Märtyrertum: ein Delirium, in dem sich alle spirituellen und körperlichen Grenzen lustvoll auflösen. Bei den Filmfestspielen in Locarno wurde „Der Ornithologe“ zu Recht als Meisterwerk gefeiert und mit dem Silbernen Leoparden für die Beste Regie ausgezeichnet. Für uns wagt sich Sascha Westphal in Rodrigues' schwirrende Dschungelwelt der Rätsel und Verwandlungen, in der man erst alles verlieren muss, um sich selbst zu finden.
Noordzee, Texas

Noordzee, Texas

Ganze zehn Jahre hat der belgische Regisseur Bavo Defurne an seinem Debütfilm „Noordzee, Texas“ gearbeitet. Als die zarte Geschichte über die erste Liebe von zwei Jungen 2011 endlich in die deutschen Kinos kam, fand sissy: Das Warten hat sich gelohnt, der Film ist ein echter Kinotraum geworden! Anlässlich des Starts von Defurnes neuem Film "Ein Chanson für Dich" empfehlen wir eine Wiederbegegnung mit seinem romantischen Erstling - und mit Paul Schulz' mitreißender Beschreibung von dessen magisch-realistischen Wundheilungsfähigkeiten.
Dream Boat

Dream Boat

Acht Tage Kreuzfahrt mit 3.000 schwulen Männern aus 89 Nationen. Und Tristan Ferland Milewski war mit Kameras dabei. Für viele eine schreckliche Idee, für Anwesende eine große Party oder permanente Überforderung, für die Augen ein Fest, für den Filmemacher der Ansporn, hinter die oberflächliche Fassade des Glad-to-be-gay-Tourismus unter maximal reibungsfreien Bedingungen zu schauen. Ein Hoch auf die schwule Seefahrt. Oder sowas Ähnliches. Im Juli in der queerfilmnacht! Von Jan Künemund.
Mein wunderbares West-Berlin

Mein wunderbares West-Berlin

Mit einer Fülle von spektakulärem Archivmaterial und mitreißenden Interviews setzt Jochen Hick in seinem neuen, großartigen Dokumentarfilm "Mein wunderbares West-Berlin" der schwulen Mauerstadt ein persönlich eingefärbtes Denkmal. Vor dem offiziellen Kinostart am 29. Juni läuft der Film bereits den Juni über in der queerfilmnacht. Wir haben gleich drei Autoren aus mehr oder weniger unterschiedlichen Generationen gebeten, sich "Mein wunderbares West-Berlin" anzusehen. Frank Brenner, geboren 1974, hätte den Film gerne schon im Geschichtsunterricht behandelt. Toby Ashraf, Jahrgang 1982, lässt sich von der Offenheit der befragten Protagonist*innen berühren. Und für Hans Hütt, der 1953 zur Welt kam und selbst in West-Berlin gelebt hat, legen sich über Hicks Filmbilder Erinnerungen an alte Gefährten und die eigene Spur.
Serienfieber

Serienfieber

Als im Jahr 2015 die Ankündigung des Endes der bahnbrechenden queeren HBO-Serie "Looking" nach nur zwei Staffeln (und einem abschließenden Fernsehfilm) zahlreiche Protestler auf den Plan rief, gab Paul Schulz in der sissy Entwarnung: Er sähe keinen Grund für Befürchtungen vor einem Rückzug nicht-heterosexueller Geschichten aus dem Fernsehen, man müsse im Gegenteil sogar das goldene Zeitalter des queeren TV ausrufen! Zwei Jahre später wagt Rajko Burchardt eine neue Bestandsaufnahme in Zeiten von Netflix und Amazon Prime, schwärmt über "Transparent", "Sense8" und "I Love Dick" – und erklärt, warum die queere Serien-Blüte erst durch die Streaming-Revolution möglich geworden ist.
Jan Krüger

Jan Krüger

"Seine visuellen (E)Motionen gehen von einer verborgenen Sehnsucht der Figuren aus und münden, nach einer Kreisbewegung, in dieselbe zurück. Dazwischen verstreicht die Zeit", schreibt Gunther Geltinger über das Œuvre von Jan Krüger. Bisher haben Krügers Langfilme diese Bewegung sogar im Titel mit sich getragen: „Unterwegs“ (2007), „Rückenwind“ (2009), „Auf der Suche“ (2011). In seinem jüngsten Film „Die Geschwister“ ersetzt nun ein scheinbar statischer Begriff dieses Bewegungsbild, der jedoch - auch das ist typisch für Krüger - normative, traditionelle und mythische Beziehungsvorstellungen vereint. Anlässlich der DVD-Premiere von "Die Geschwister" blickt sissy auf Krügers bisherige Etappen.
Die Geschwister

Die Geschwister

Jan Krüger dreht konsequent Filme mit queeren Geschichten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, auch nicht für einen sich als schwul identifizierenden Filmemacher in Deutschland. Seine bisherigen drei Langfilme erzählen allesamt keine Coming-out-Storys (das erledigte er – auf originelle Weise – in seinem Kurzfilme „Freunde“ von 2001). Das Schwulsein der Figuren ist bei ihm nie ein Thema an sich, sondern wird stets mit anderen Erfahrungen verknüpft. Sein neuer Film „Die Geschwister“ handelt von Berlin als Stadt und Begehrensraum und folgt dem Erzählmuster eines Märchens. Die Geschichte von einem, der sich bisher aus allem raushielt, und der durch die Liebe lernt, soziale Verantwortung zu übernehmen... Von Gunther Geltinger.
Das Nest

Das Nest

Binge-watching auf der großen Leinwand: Im Mai zeigt die queerfilmnacht keinen klassischen Kinofilm, sondern die großartige, durch und durch queere Miniserie „Das Nest“ der jungen brasilianischen Regisseure Filipe Matzembacher und Marcio Reolon („Seashore“). Die vierteilige Serie erzählt von einer Brudersuche in Porto Alegre, die unverhofft zu neuen Freiheiten führt, und vom subversiven Entwurf einer alternativen Familie, die keine Formen der Ausgrenzung mehr kennt. Unser Autor Toby Ashraf hat sich mit den beiden Filmemachern via Skype über die Entstehungsgeschichte der Serie unterhalten, über queeres Leben in Brasilien und die vielfältigen Formen des Widerstands, die „Das Nest“ entwirft.
Toro

Toro

In der Welt von Toro und Victor wird nicht viel geredet, da sprechen die Körper. Sport, Sucht, Sex (solange er keinen Spaß macht) sind ihre Kommunikationsmittel. Die naiv erträumte bromoerotische Zukunft, in der gemeinsam geschwiegen werden kann, liegt außerhalb der Bilder, die in der Gegenwart von harten Gegensätzen geprägt sind. Martin Hawies zweiter Film, uraufgeführt in der Berlinale-Sektion Perspektive, ist ein kontrastreiches Genrestück, in dem es kein Grau und keinen Zwischenton gibt. Von Alexandra Seitz.