Flammende Bilder

das nicht-heterosexuelle Filmprogramm

Der Moment: Teorema

Der Moment: Teorema

Christoph Klimke, Jahrgang 1959, lebt als Schriftsteller und Dramaturg in Berlin. Zuletzt sind von ihm der Gedichtband "Fernweh" (2013) sowie ein langer biographischer Essay zum politisch-künstlerischen Engagement Pier Paolo Pasolinis erscheinen, "Dem Skandal ins Auge sehen" (2015). Auch Klimkes persönlicher filmischer Moment führt ins Werk des 1975 ermordeten italienischen Dichters und Filmemachers: zu "Teorema" (1968), Pasolinis visionärer Filmparabel über einen rätselhaften jungen Mann mit strahlend blauen Augen, der sämtlichen Mitgliedern einer Mailänder Industriellen-Familie die Köpfe verdreht.
Body Electric

Body Electric

Der Debütfilm des brasilianischen Regisseurs Marcelo Caetano zeichnet mit beeindruckender Beiläufigkeit das Porträt des Mizwanzingers Elias, dem in einem Vorort von Sao Paolo nicht das eigene Schwulsein zu schaffen macht, sondern die universelle Frage, was wichtiger ist: die Karriere oder das übrige Leben. Gegenüber dem mühsamen Arbeitsalltag in einer Großschneiderei, der die Gefahr birgt, den eigenen Körper zu verdinglichen, entwirft „Body Electric“ die Utopie einer Gruppe junger Leute, die über die Grenzen des sozialen Standes und der sexueller Identität hinweg füreinander da sind. Rajko Burchardt hat sich mittreiben lassen.
Professor Marston and the Wonder Women

Professor Marston and the Wonder Women

Patty Jenkins' "Wonder Woman" war einer der großen Überraschungserfolge des Kinojahres. Ihr Film über die weltweit wohl bekannteste Superheldin stach beinah jede andere Comic-Adaption mit männlichem Personal aus und machte die israelische Hauptdarstellerin Gal Gadot zu Hollywoods neuem Shooting Star. Regisseurin Angela Robinson ("Spy Girls – D.E.B.S.", "The L-Word") erzählt in dem Biopic "Professor Marston and the Wonder Women" nun die hochspannende Lebensgeschichte des Psychologie-Professors und Wonder-Woman-Erfinders William Marston a.k.a. Charles Moulton, der mit seiner Frau und einer gemeinsamen Geliebten offen in einer Dreierbeziehung lebte – was in den USA der 40er Jahre als reichlich unerhört galt. Unser Autor Patrick Heidmann ist vor allem von Robinsons unvoreingenommem Blick auf Polyamorie begeistert.
Die Misandristinnen: Über Susanne Sachsse, Viva Ruiz und Kembra Pfahler

Die Misandristinnen: Über Susanne Sachsse, Viva Ruiz und Kembra Pfahler

Der kanadische Filmemacher Bruce LaBruce und die US-amerikanische Künstlerin Vaginal Davis kennen sich seit über 30 Jahren. Die beiden Queercore-Ikonen, die heute teilweise (LaBruce) bzw. ganz (Davis) in Berlin leben, haben in zahlreichen Projekten künstlerisch zusammengearbeitet: in Filmen wie "Super 8 1/2" (1995) und "Hustler White" (1996), Theaterstücken wie "CHEAP Blacky" (2007) und "The Bad Breast" (2009) oder als DJs in legendären Clubnächten im Berliner Schwuz. Davis, deren unnachahmliche Performance-Kunst von dem Kulturwissenschaftler José Esteban Muñoz einst überaus treffend als "Terrorist Drag" bezeichnet wurde, hat bei LaBruces neuem Film, der queer-feministischen Terrorismus-Satire "Die Misandristinnen", zwar nicht selbst mitgewirkt. Aber ihre Freundschaften mit den drei großen Underground-Stars des Films, Susanne Sachsse, Viva Ruiz und Kembra Pfahler, gehen wie ihre Beziehung zum Regisseur "way back". Ihr Triple-Porträt über LaBruces Queer Legacy Actresses ist nicht nur mit schärfstem Gossip gewürzt, sondern ist auch eine kühle Spitze gegen das noch immer zutiefst misogyne System Hollywoods.
Casting

Casting

Ab morgen im Kino: Im neuen Film von Nicolas Wackerbarth („Halbschatten“) soll eine junge Regisseurin Fassbinders wegweisendes Liebesmelodram „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972) neu verfilmen – als bieder gebürstetes Fernsehspiel mit einem hetero- anstatt eines homosexuellen Liebespaares. So kann das natürlich nicht funktionieren, der Stoff sträubt sich, bereits das Casting gerät zum Fiasko. Wackerbarth geht in seinem sinnlichen Film über das Filmemachen volles Risiko und zeigt, was dem deutschen Kino heute an freiem Denken, Dringlichkeit und durchdringender Emotionalität fehlt. Von Dennis Vetter.
Die Misandristinnen

Die Misandristinnen

Im neuen Film des kanadischen Kultregisseurs Bruce LaBruce („The Raspberry Reich“, „Otto; or, Up with Dead People“, „Gerontophilia“) geht es um eine queer-feministischen Terrorstinnen-Zelle, die „irgendwo in Ger(wo)many“ hinter der Fassade eines katholischen Mädcheninternats den Umsturz des Patriarchats vorbereitet, ehe ein verletzter Soldat ins Haus gelangt und die Ordnung der Frauen empfindlich stört. Nicht ohne Grund mögen bei der Geschichte manche an den jüngsten Film von Sofia Coppola, „Die Verführten“ (2017), denken. Beide Filme sind Remakes von Don Siegels Bürgerkriegsmelodram „The Beguiled“ (1971). Das ungleich geringere Budget seines Films kompensiert LaBruce mit der Besetzung von queeren Underground-Stars (wie Susanne Sachsse und Kembra Pfahler) und radikalen Regieeinfällen, die die Grenzen des guten Geschmacks bis aufs Äußerste ausreizen. Lukas Foerster wagt eine filmhistorische und queerpolitische Einordung.
Handsome Devil

Handsome Devil

Ein rothaariger Nerd und Indiemusik-Fan, der von seinen Mitschülern böse gemobbt wird. Ein muskelbepackter Rugby-Crack, der weit sensibler ist, als zunächst angenommen. Ein unkonventioneller Englischlehrer, der seinen Schülern nicht nur den Unterrichtsstoff beibringt, sondern Lektionen fürs Leben. In „Handsome Devil“, der im November in der queerfilmnacht läuft, variiert der irische Regisseur John Butler gleich mehrere Figuren des bei Schwulen und Lesben überaus beliebten Internatsfilm-Genres. Axel Schock folgt den homosozialen Spuren der Filmform und entdeckt in „Handsome Devil“ nicht nur smarte Wendungen und hinreißende Hauptdarsteller, sondern auch eine berührende Botschaft.
Concussion

Concussion

Durch eine heile, aber nicht wirklich eingespielte Vorstadt-Regenbogen-Familie geht ein kleiner Riss. Ausgelöst durch eine Gehirnerschütterung („concussion“), begreift eine der beiden Mütter in Stacey Passons abgründigem Debüt, dass ihre Welt zu klein geworden ist, dass eine größere aber vielleicht auch nicht so anders aussehen würde. Der von der New-Queer-Cinema-Veteranin Rose Troche produzierte Film wurde auf der Berlinale 2013 mit einem Special-Teddy ausgezeichnet und steht für ein noch immer hochaktuelles Thema im nicht-heterosexuellen Kino: dass Glücklichwerden auch nach der Emanzipation und rechtlichen Gleichstellung kein Automatismus ist. The Moms are not all right. Von André Wendler.
God’s Own Country – Interview mit Francis Lee

God’s Own Country – Interview mit Francis Lee

Morgen startet "God's Own Country", das vielgelobte und -prämierte schwule Liebesdrama des Engländers Francis Lee, in den deutschen Kinos. Patrick Heidmann hat sich für sissy vorab mit Lee über dessen eigene Jugend in den rauen Berglandschaften von Yorkshire unterhalten, über die Arbeit mit seinen ungemein wandlungsfähigen Hauptdarstellern und warum der oft bemühte Vergleich mit "Brokeback Mountain" auf seinen Film nur bedingt zutrifft.
God’s Own Country

God’s Own Country

Inmitten der archaischen Berge und Hochmoore Yorkshires erzählt Regisseur Francis Lee die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Schafsfarmer Johnny und dem rumänischen Saisonarbeiter Gheorghe derart mitreißend und bildgewaltig, dass "God Own Country" seit seiner Weltpremiere in Sundance von der Filmkritik kontinuierlich als „britisches ‚Brokeback Mountain‘“ bezeichnet wird. Für sissy schreibt Matthias Frings, warum der Film den Vergleich zu Ang Lees Meilenstein des Queer Cinema nicht zu scheuen braucht und dennoch eine ganz andere, dreckigere und realistischere Perspektive auf seine Figuren und ihre Liebe entwickelt. Ab 26. Oktober ist der Film bundesweit im Kino zu sehen.