Below Her Mouth

 Trailerqueerfilmnacht

Im März in der queerfilmnacht: Lesbische Erotik aus der richtigen Perspektive. Dass “Below Her Mouth” von einem reinen Frauenteam gedreht worden ist, ist vor allem deshalb wichtig, weil er sich traut, offen und selbstbewusst viel lesbischen Sex zu zeigen. Die Story verlässt sich auf die üblichen Hetero-zu-L-Konflikte, gibt aber dem physischen Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen (u.a. das androgyne Top-Model Erika Linder) viel Raum und begnügt sich nicht mit Andeutungen.

Foto: Weltkino/ Salzgeber

Körperwärmeraum

von Alexandra Seitz

Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Im vorliegenden Fall hat Jasmines (Natalie Krill) Verlobter, Rile, irgendwo anders geschäftlich zu tun und ist ein paar Tage verreist. Jasmine nutzt die Gunst der Stunde, um mit einer Freundin einen drauf zu machen. Auf deren Betreiben hin landen die Chicks on heels in einer Lesbenkneipe, wo es hoch her geht und Jasmine aufgrund von Berührungsängsten erstmal aufs Örtchen flüchtet. Dort trifft sie auf Dallas (Erika Linder), oder vielmehr: sie fällt Dallas in deren unablässig schweifendes Auge – die fackelt nicht lange, und ehe man sich‘s versieht, fällt draußen auf der Feuerleiter auch schon der erste, keineswegs unterkühlte Kuss. Nun ist guter Rat teuer, da Jasmine schwer verunsichert. Sie hat ihren Verlobten betrogen! Was soll nun aus der Hochzeit werden? So geht es los und so geht es weiter.

Im Grunde und von seinem Wesen her ist der kanadische Film „Below Her Mouth“ von April Mullen ein Porno. Einer aus jener Zeit, als Pornos noch über Handlung verfügten, die zwar rudimentär und letztlich ziemlich doof gewesen sein mag, aber doch immerhin noch eine Handlung war. Nur leider traut sich Mullen nicht so richtig, die Sache mit der Fleischeslust dann auch voll und bis zum expliziten Ende durchzuziehen. Deswegen tut ihr Film so, als wäre er schwerpunktmäßig ein Lesbenliebes(melo)drama, in dem halt auch viel Sex vorkommt. Dabei ist es eher umgekehrt. Softcore mit Ambitionen könnte man das Ergebnis nennen, das aber für wischiwaschi schlicht zu eigenwillig und selbstbewusst zwischen den Stühlen Platz nimmt. „Below Her Mouth“ verfügt über unschuldigen Charme und bietet einige Momente tiefen Empfindens. Er ist mit sicherer Hand flüssig inszeniert, sieht mit seiner dramatisch farbigen Lichtführung entlang von Hochglanzoberflächen sehr gut aus, und er zeigt eben nicht zuletzt mit großer Offenheit wirklich schöne Sexszenen.

Foto: Weltkino/ Salzgeber

Ein Faible für Klischees mitzubringen ist allerdings unabdingbar, will man nicht am Drehbuch verzweifeln und sich solcherart ums Vergnügen bringen. Es ist Stephanie Fabrizis erster Versuch, und da noch keine Meisterin vom Himmel gefallen ist, nehmen wir es eben hin, dass sie mit Jasmine und Dallas Frauenbilder gegeneinander in Stellung bringt, die direkt dem Lehrbuch für Stereotypen entsprungen sind. Halten Sie sich fest: Jasmine ist Redakteurin einer Modezeitschrift, fährt einen Sportwagen, brezelt sich auf, kann mit ihrem Schmollmund jede Macho-Fantasie bedienen, glaubt ans Heteronormative, an Monogamie und praktiziert mit ihrem Boyfriend sehr wahrscheinlich Blümchensex. Dallas ist eine androgyn wirkende Zimmerfrau, fährt einen Lieferwagen, trinkt viel, will sich nicht binden, gibt sich also unnahbar, verführt und vögelt, was bei Drei nicht auf dem Baum ist, trägt zu diesem Behufe einen Strap-on in der Hose und selbstverständlich verbirgt sich unter ihrer harten Schale ein weicher Kern. Jasmine und Dallas: Gegensätze ziehen sich an.

Nun wäre ja wenig dagegen einzuwenden, am Beispiel dieser Gegensätze ideologische Auseinandersetzungen zu führen: über die unterschiedlichen Daseinsweisen weiblicher Wesen in der Welt, über gegenseitige Wahrnehmung und die Verzerrung dieser Wahrnehmung durch Vorurteile, über Projektionen und Fantasien, über Rollenerwartungen und Verhaltensmuster, über das Risiko, das die Liebe ist, undsoweiter undsofort. Aber nichts davon dringt an unser Ohr, weil in „Below Her Mouth“ nun mal nicht viel geredet wird. Dafür wird umso mehr einander angeschmachtet und aufs Abwechslungsreichste gevögelt; selbst die obligatorische, romantische Rundfahrt auf dem Kinderkarussell fehlt nicht – auch sie gilt es mit Fassung zu (er)tragen.

Foto: Weltkino/ Salzgeber

Während sich also das Drehbuch auf dramaturgischer Ebene von Standard zu Schablone und von der Charge zum Abklatsch hangelt, schaut man der kanadischen Schauspielerin Natalie Krill als Jasmine und dem schwedischen Model Erika Linder als Dallas zu und stellt fest, dass man das gerne tut. Den durchschaubaren Machinationen der Handlung zum Trotz bleiben Krill und Linder solidarisch mit ihren Figuren und vollziehen unaufdringlich deren allmähliche Veränderungen: von der langgelockten Karrierebitch zur fast ungeschminkten, natürlichen Frau, die eine Frau liebt; und von der coolen, toughen Eroberin zur hilflos leidenden und leicht verletzbaren Verliebten. Zwischendurch stürzen sie sich immer wieder hemmungslos und leidenschaftlich aufeinander und verflechten ihre Körper ineinander; dann rappelt es derart gewaltig in der Kiste, dass Rile, der zu früh von seiner Geschäftsreise zurückkehrt und die beiden in flagranti in der Badewanne überrascht, schwer schockiert feststellen muss, dass seine Manneskraft durch einen Dildo ersetzt wurde. An dieser Stelle hätte er sich nun natürlich, dem Klischee entsprechend, in einen herumbrüllenden, in seiner Eitelkeit gekränkten Gorilla verwandeln und brutal werden können, er ist aber nur traurig und ratlos. Und einmal mehr blitzt eine emotionale Glaubwürdigkeit auf, die die abstruse Geschichte mit der Realität verknüpft. Letztlich geht es dann doch um die Schwierigkeit, den eigenen Gefühlen gemäß zu handeln, und darüber hinaus mit den Verletzungen fertig zu werden, die dieses Handeln für einen selbst und andere bedeutet.

Foto: Weltkino/ Salzgeber

Es herrscht in „Below Her Mouth“ eine schwer zu fassende, ungezwungene Atmosphäre; der Film bildet einen Raum ab, in dem die Emotionen der Figuren mitschwingen, in den hinein die Wärme der Körper ausstrahlt und in dem das Erotische sich frei artikulieren kann. Man ist geneigt, dies dem Umstand zuzuschreiben, dass in allen leitenden Funktionen des Filmteams Frauen am Werk sind: neben Mullen und Fabrizi Melissa Coghlan als Produzentin, Maya Bankovic als Kamerafrau, Michelle Szemberg als Schnittmeisterin, Faye Mullen als Produktionsdesignerin undundund. Die geballte Frauenpower vor und hinter der Kamera sorgt mit ihrem durchweg spürbaren Engagement für jene Bodenhaftung, die in der Kolportage das Menschliche sichtbar werden lässt. Erzählt wird schließlich eine ganz normale Geschichte: Zwei Frauen verlieben sich ineinander und die Welt gerät aus den Fugen.




Below Her Mouth
von April Mullen
CA 2016, 94 Minuten, FSK 16,
engl. OF mit deutschen UT,
Weltkino/ Edition Salzgeber

Im März in der queerfilmnacht.
Kinostart am 13. April.


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