ACT! – Wer bin ich?

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In seinem neuen Dokumentarfilm „ACT! – Wer bin ich?“ schaut Rosa von Praunheim über den schwulen Tellerrand und findet mal wieder eine Heldin des Alltags, die ihre bürgerlichen Sicherheiten aufgegeben hat, um sich für soziale Veränderungen einzusetzen. Maike Plath macht „biografisches Theater“ mit Jugendlichen in Neukölln, deren Biografien andere oft nicht interessieren.

Foto: missingFilms

Regie über dein Leben

von Jan Künemund

Maike Plath sammelt Zeitungsberichte über Berliner „Problemschulen“. Sie macht dann eine vergleichende Bildanalyse: Hinten steht immer das Schulgebäude, dunkel, drohend, aus Untersicht, davor wird das Bild eines kauernden Jugendlicher geklebt, mit Hoodie und schwarzem Balken vor den Augen, Gangster-Pose, aufgespießt von großen Schlagzeilen, in denen was von Kriminalität steht. Das ist das typische Bild, das in den Medien von Neuköllner Schüler_innen mit Migrationshintergrund verbreitet wird. Sie weiß, dass nicht selten die Journalisten den Jugendlichen 10 Euro in die Hand drücken, damit sie so posieren. Beim Stichwort „Posieren“ schneidet Rosa von Praunheim auf Bilder aus Theaterproben. Das Stück heißt „Tear Down This Classroom“, wir sind auf der alternativen Neuköllner Bühne „Heimathafen“, an dem Maike Plath mit zwei anderen Frauen einen Jugendtheaterclub gegründet hat und jedes Jahr, so lange die Finanzierung steht, ein neues Stück einübt. Hier sind die Posen der Jugendlichen aus ihren Biografien herausgearbeitet, und den Gangster zu spielen, heißt hier: Distanz dazu eingenommen zu haben.

Auch Praunheim hat keine Lust, typische Bilder von Problemjugendlichen medial zu verbreiten. Er bedient keine Klischees von homophoben Migrantenkids, die Neukölln für händchenhaltende Schwule und Lesben zur No-Go-Area machen. Er fragt sie: „Wer bist du?“ Und heraus kommen erstaunliche Geschichten, genau das Material, mit dem auch Maike Plath arbeitet: Kinder mit Borderline-Störung, Jungs, deren gesamter Freundeskreis im Knast sitzt, Mädchen, die zuhause gar nicht erzählen, dass sie Theater spielen, Jugendliche, die sich beschäftigen wollen, damit sie nicht beschäftigt werden – „mit anderen Dingen“. In der Schule sollen sie integriert werden, mit Inhalten, die sie nicht erleben. Ihre eigenen, individuellen Erfahrungen interessieren nicht. Für viele ist es naheliegend, einfach nicht mehr hinzugehen.

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Auch Maike Plath war im Schuldienst, wie ihre Eltern. Perfekte Kindheit in Glücksburg. Der Vater spricht von Leistung und Erfolg, die Mutter von schön gemalten Bildern. Dann wird sie selbst Lehrerin, in einer integrierten Gesamtschule mit musischem Schwerpunkt. Als sie der Liebe wegen nach Berlin zieht, steht sie plötzlich vor einer Neuköllner Hauptschulklasse, die sie überhaupt nicht beachtet. Erst heulen, wenn ich zuhause bin, sagt sie sich. Und überlegt sich alternative Konzepte. Sie spricht mit allen Schülern und Schülerinnen individuell, baut Vertrauen auf, macht aus den Biografien Theatertexte. Und Filmrollen. Da sind dann alle dabei, die Polizei macht mit, „wir durften sogar den Italiener von gegenüber anzünden!“ Der Schulleitung wird es bald zu bunt – ihre privaten Faxen könne Frau Plath ja auch woanders machen. Das tut sie, kündigt ihren Beamtenstatus, findet mit dem aktuellen Stück Asyl im Heimathafen und schreibt Bücher über ihre szenische Arbeit mit Jugendlichen. Ihr geht es nicht darum, dass Migrantenkinder ins Theater gehen. Es geht ihr um Potenziale, die brachliegen.

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Praunheim und seine Kamerafrau Elfi Mikesch sind sichtlich verliebt in die uneitle Theatermacherin, die keine Klischees mehr erträgt und stattdessen Räume schafft für Individuen: für Ali, den Rapper, Vivian, die Kickboxerin, Hussein, den Anstreichergesellen, der nun für seine erste Filmrolle einen Nachwuchspreis erhalten hat, Arkadas, 13, der sich als Hartz-IV-Empfänger vorstellt. „Was immer ich bin – ich bin ich!“, heißt es im Stück „How Long Is Paradise“, dessen Entstehung Praunheim und Mikesch dokumentieren. In rasender Folge kippen die Biografien in den Film, wird deutlich, woher diejenigen kommen, die ihre Geschichten da vor hundert Leuten erzählen und lernen, eine Distanz dazu aufzubauen: Berlin ist für sie Gotham City – nur ohne Batman.

Praunheim hält sich sehr zurück gegenüber seinen Protagonisten. Von Sex ist keine Rede diesmal, vom Schwulsein auch nicht. Ein blonder 12-Jähriger, Kasimir Percy, Sohn einer früheren Documenta-Leiterin, Traumberuf Modedesigner, fühlt sich in der Theatergruppe nicht als Opfer. Aber auch außerhalb nicht: „Es haben einige vergebens versucht, sich über mich lustig zu machen.“ Was soll man da noch fragen. Bei Kindern und Jugendlichen kann das alles noch klappen: die Gegensätze integrieren, die Vorurteile spielerisch aufzulösen. Wer Homophobie bekämpfen will, sollte hier anfangen.

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Maike Plath braucht Geld. Die Finanzierung ihrer Arbeit ist jedes Mal aufs Neue unsicher. Praunheims Sympathie für sie und ihr Projekt ist so groß, dass er eigentlich direkt den Spendenaufruf einblenden könnte. Aber das können ja auch wir übernehmen – zur Seite von ACT! e.V. geht es hier lang.




ACT! Wer bin ich?
von Rosa von Praunheim
DE 2017, 87 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,
missingFilms

Ab 22. Juni hier im Kino.

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